Die Rolle des organisierten Sports in der Ganztagsbildung - Zwischen Anpassungsdruck und neuen Chancen

Unter dem Titel „Die Rolle des organisierten Sports in der Ganztagsbildung“ luden der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und die Deutsche Sportjugend (dsj) zur gemeinsamen Fachkonferenz „Sport & Schule“ nach Karlsruhe ein. Rund 180 Teilnehmer/innen aus den unterschiedlichsten Bereichen kamen am 17./18. Oktober zusammen, um sich zum Thema auszutauschen. Vertreter/innen der Landessportbünde und Spitzenverbände, Schulverantwortliche sowie Mitarbeiter/innen aus den Ministerien und Sportwissenschaftlichen Instituten diskutierten über die aktuellen schulpolitischen Herausforderungen für den organisierten Sport. Mit dem Ergebnis der erstmals als Zweitagesveranstaltung durchgeführten Konferenz zeigten sich die DOSB-Vizepräsidentin für Bildung und Olympische Erziehung, Prof. Dr. Gudrun Doll-Tepper, und der dsj-Vorsitzende Ingo Weiss mehr als zufrieden. Weiss sagte: „Ich bin absolut begeistert und habe von vielen Anwesenden bereits die Rückmeldung erhalten, dass das neue Format gelungen ist.“

So hatten die Organisatoren auch für Möglichkeiten zum persönlichen Austausch untereinander gesorgt. Prof. Dr. Gudrun Doll-Tepper stellte fest: „Neben den wichtigen Vorträgen wurde sehr deutlich sichtbar, welch ein großes Bedürfnis nach informellen Austausch besteht. Ich habe zahlreiche intensive Unterhaltungen beobachtet und selbst geführt.“

Wie groß das Interesse am Thema ist, zeigte auch die Tatsache, dass die Veranstaltung komplett ausgebucht war. Auf dem Programm standen unter anderem wissenschaftliche Vorträge, Talkrunden, Gesprächsforen sowie die Arbeit in Kleingruppen. Zu den zentralen Themen zählten die Entwicklung hin zur Ganztagsschule, die Qualifizierung der Übungsleiterinnen und Trainer, die Auswirkungen auf den Nachwuchsleistungssport, Inklusion im Schulsport und Sportunterricht sowie der Ausbau von Bildungsnetzwerken.

Prof. Dr. Rüdiger Heim zeigte in seinem Hauptvortrag unter dem Titel „Kinder- und Jugendsport in einer sich veränderten Welt“, dass Veränderungen im Bildungssystem, im Freizeitverhalten sowie der demografische Wandel deutliche Auswirkungen auf die Organisation des Sports in Deutschland haben werden. Einen allgemeinen negativen Trend wollte er aber nicht ausmachen: „Einige sehen einen Tsunami auf uns zurollen. Das würde ich so aber nicht sagen.“ Vielmehr bemühte er das Bild mehrerer wellenschlagender Ereignisse, deren Wellen zwar aufeinander einwirkten, sich aber auch gegenseitig aufheben würden. Auch die allgemeine Befürchtung, die Entwicklung hin zur Ganztagesschule wirke sich negativ auf das Sporttreiben der Heranwachsenden aus, relativierte er: „Es gibt zwar einen nicht zu verneinenden Einfluss, man sollte ihn aber auch nicht dramatisieren.“

Die Bedeutung der Schule auf das Sportengagement der Jugendlichen scheint dagegen sehr begrenzt. So zeigte Heim anhand der aktuellen MediKuS-Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) auf, dass lediglich zwei bis fünf Prozent der Heranwachsenden durch die Schule zum Sport kommen. Viel wichtiger sei nach wie vor der direkte positive Einfluss von Eltern und Freunden/innen bzw. die Eigenmotivation.

In der anschließenden Talkrunde trafen Vertreter/innen von Wissenschaft, Sportverein, und Schule sowie ein Vertreter der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung direkt aufeinander. Es wurde deutlich, dass es interessante Ansätze gibt, bei denen die Kooperation zwischen Sportorganisation und Schule gut funktioniert, die große Masse jedoch vor vielen unbeantworteten Fragen und Herausforderungen steht. So wird es in Zukunft von entscheidender Bedeutung sein, die jeweiligen Konzepte der Sportverbände weiterzuentwickeln und individuelle Lösungen vor Ort zu finden.

So wird bereits von fünf Landessportverbänden eine Ausbildung zum ÜL-B „Sport im Ganztag“ angeboten. Die Einordnung dieser Übungsleiter-B Ausbildungskonzeptionen in den Deutsche Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen (DQR) und die Vergleichbarkeit von Bildungsabschlüssen stand im Mittelpunkt des Vortrags von Prof. Dr. Ralf Sygusch von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen. Sygusch kam zu dem Ergebnis, dass der ÜL-B „Sport im Ganztag“ zumindest von den beschriebenen Zielen und  Inhalten her nur knapp unter dem Bachelorniveau anzusiedeln sei (Stufe 4-5 im DQR). Erfahrungen im Sportverein qualifizierten die Übungsleiter/-innen und Trainer/-innen jedoch nicht automatisch auch für schulische Angebote. Wer als Trainer/in oder Übungsleiter/in in der Schule arbeite, müsse sich beispielsweise auch an den Rahmenbedingungen in der Schule orientieren.

„Qualifizierungsangebote und Ausbildungsmaterialien des organisierten Sports für den außerunterrichtlichen Sport im Rahmen der Ganztagsschule“ war folgerichtig das Thema eines von sechs Gesprächsforen. Je nach Interesse standen den Teilnehmern/innen sechs Foren  zu unterschiedlichen Themenschwerpunkten zur Auswahl. Unter anderem wurden unter dem Titel „Bündnisse für Bildung“ Beteiligungsmöglichkeiten des organisierten Sports an Bildungsnetzwerken vorgestellt.

Wie so oft in diesen zwei Tagen ließen sich innerhalb der Bereiche große regionale Unterschiede und verschiedenste Problemfelder feststellen. Genauso wurden aber auch mögliche Lösungsstrategien aufgezeigt und besprochen.

Um möglichst bald aktuelle Daten über den Schulsport in Deutschland und dessen Auswirkungen auf den gemeinnützigen Kinder- und Jugendsport zu erhalten, kündigte Ingo Weiss zum Abschluss der Veranstaltung an, zusammen mit Gudrun Doll-Tepper und dem DOSB eine Neuauflage der erstmals 2006 durchgeführten SPRINT-Studie anregen zu wollen.

Alle Vorträge, Diskussionen und Ergebnisse der Fachkonferenz werden vom DOSB und der Deutschen Sportjugend ausgewertet und in einer Dokumentation zeitnah veröffentlicht.

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