Bundestagswahl 2021

Für 2021-2025 den Kinder- und Jugendsport stärken

Fast jedes zweite Kind, jeder zweite Jugendliche ist Mitglied in einem Sportverein. Neben der wichtigen Rolle für Bewegungsförderung und Sport haben Vereine eine besondere Bedeutung für gesellschaftliche Teilhabe, Bildung und Persönlichkeitsentwicklung. Aufgrund des Lockdowns blieben die Turnhallen und Sportplätze aber monatelang geschlossen. Viele Kinder haben verlernt, zu spielen, sich unbeschwert zu bewegen und Kontakt zu Gleichaltrigen aufzubauen. Der Sportverein als Bildungsakteur*in konnte über einen langen Zeitraum nicht wirken. Viele Jugendliche sind in virtuellen Welten versunken. Um Einsamkeit und Bewegungsmangel von Kindern und Jugendlichen zu begegnen, bedarf es nun eines Neustarts des Kinder- und Jugendsports und einer anschließenden dauerhaften Stärkung. Mit der realen Gemeinschaft im Sportverein kann zudem ein Kontrapunkt zu erstarkenden demokratiefeindlichen Kräften gesetzt werden – für Sport, Gesundheit, Bewegungsfreundlichkeit, Gemeinschaft und Teilhabe, junges Engagement und eine starke Demokratie. 

Zur Unterstützung dessen bedarf es in der nächsten Legislaturperiode einer wirkungsvollen Politik. Die dsj hat anlässlich der im September 2021 anstehenden Bundestagswahl Bedarfe für den Kinder- und Jugendsport identifiziert und richtet nun einen Appell an die demokratischen Bundesparteien und eine zukünftige Bundesregierung.


Das Bewegungsbedürfnis von Kindern und Jugendlichen systematisch mitdenken:

Gesundheitspolitik des Bundes mehr als bisher zur Politik der Bewegungsförderung machen

Gesundes Aufwachsen ist ohne Bewegungsfreude nicht denkbar. Hier übernehmen die 90.000 Sportvereine in Deutschland eine wichtige Rolle. Grundsätzlich sind Sport- und Bewegungsmöglichkeiten in noch stärkerem Maße als wertvoller und selbstverständlicher Beitrag beim Ausbau von Ganztagschulen, bei der Qualitätsdiskussion für Kindertagesstätten, beim Städtebau und bei der Verkehrsplanung systematisch mitzudenken. 
 

Gesundheitspolitik des Bundes mehr als bisher zur Politik der Bewegungsförderung machen

Dafür sollte sich die Gesundheitspolitik des Bundes mehr als bisher für Bewegungs­förderung von Kindern und Jugendlichen stark machen und in Kampagnen in Kooperation mit dem organisierten Sport entsprechend werben.


Jugendsport(strukturen) handlungsfähiger machen:

Die bedarfsgerechte Stellenfinanzierung der Jugendsportstrukturen und deren Maßnahmen durch den Bund gewähren

In den Sportvereinen geht es nicht nur um Bewegungsförderung, sondern auch um die Stärkung von Partizipation und Engagement von jungen Menschen, um politische Bildung und gesellschaftliche Teilhabe. Der gemeinnützig organisierte Sport ist wie kaum ein anderer gesellschaftlicher Akteur durch seine Attraktivität, seine soziale und geografisch flächendeckende Reichweite in der Lage, junge Menschen unabhängig von persönlichen, sozialen, finanziellen und kulturellen Ressourcen zu erreichen. Um die Ehrenamtlichen in den Vereinen zu stärken und sie für ihre wichtige Arbeit zu qualifizieren, bedarf es einer handlungsfähigen Verbandsstruktur. Die Jugendarbeit der Sportverbände ist seit Jahren unterfinanziert und kann ihr oben beschriebenes Potential daher nicht ausschöpfen.
 

Bedarfsgerechte Stellenfinanzierung der Jugendsportstrukturen und deren Maßnahmen durch den Bund gewähren

Der Bund sollte dafür über die nationale Zentralstelle eine bedarfsgerechte Stellenfinanzierung der Jugendsportstrukturen und der Maßnahmen gewähren, damit diese ihre Wirkungskraft bundesweit zur Geltung bringen kann. Nur so können sie auch in schwierigen Zeiten Motor und Beförderer für modernes und zukunftsgerichtetes Handeln sein. 


Junges Engagement im Sport fördern:

Verbesserte finanzielle Unterstützung gewähren und Modernisierung der Freiwilligendienste umsetzen

Als Raum für (politische) Bildung und Engagementförderung sind insbesondere die Freiwilligendienste im Sport ein Erfolgsmodell, sie fördern Gemeinsinn und ermöglichen Teilhabe in einem Orientierungsjahr. Auch in Schulen unterstützen Freiwilligendienstleistende von Sportorganisationen bei der Gestaltung von bewegten Pausen, Sport-AGs und zusätzlichen Bewegungseinheiten. Viele interessierte Vereine können Freiwilligenplätze aber nicht einrichten, weil die Eigenanteile ihre Möglichkeiten übersteigen. Sowohl die Gelder für pädagogische Begleitung als auch die Zuschüsse zum Taschengeld sind deutlich zu erhöhen, die Förderung insgesamt ist zu modernisieren. Zudem ist die Anerkennungskultur für Freiwilligendienstleistende zu verbessern. Dazu gehören Vergünstigungen im Öffentlichen Nahverkehr, eine verbesserte Berücksichtigung der Freiwilligendienste bei der Studienzulassung sowie eine Befreiung von den Rundfunkbeiträgen. Gleichzeitig ist politische Bildung zu stärken. Die Ein- und Umsetzung des Jugendfreiwilligenjahr wäre dabei ein richtiger Schritt (siehe auch: „Positionen der verbandlichen Zentralstellen zur Bundestagswahl: Freiwilligendienst stärken“ 03/2021)
 

Verbesserte finanzielle Unterstützung gewähren und Modernisierung der Freiwilligendienste umsetzen

Um noch mehr jungen Menschen einen Platz anbieten zu können, benötigen die Einsatz-stellen und Träger*innen eine verbesserte finanzielle Unterstützung durch den Bund und modernisierte Rahmenbedingungen in den Freiwilligendiensten, damit sie u.a. ein angemessenes Taschengeld sowie die notwendige pädagogische Begleitung sicherstellen können. Freie Fahrt im öffentlichen Personennahverkehr zu gewähren stärkt darüber hinaus die gesellschaftliche Teilhabe der Freiwilligendienstleistenden und kann dazu beitragen, soziale Ungleichheiten zu reduzieren.


Den Sportverein als demokratischen Raum stärken:

Eine Stabsstelle „Demokratiestärkung und Politische Bildung im Sport“ auf Bundesebene einrichten

Sportvereine sind nicht nur Orte der Bewegung, sondern prägen auch Sozialräume und stärken die Zivilgesellschaft. 1,7 Millionen Ehrenamtliche auf Vorstandsebene oder auf Ausführungsebene und 6,3 Millionen als freiwillige Helfer*innen prägen die Basis für Zusammenhalt und lebendige, demokratische Teilhabe. Die Kinder- und Jugendarbeit im Sport setzt sich aktiv für eine vorurteilsarme Begegnung von jungen Menschen im Sport ein und tritt jeglicher Art von Hass, Gewalt, Hetze, Diskriminierung und Benachteiligung entgegen. Sportvereinen und -verbänden fehlen allerdings in Teilen bei ihrer demokratiestärkenden Arbeit die professionelle Unterstützung, Begleitung und Vernetzung. Dies bestätigt der 16. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung (2021). 
 

Stabsstelle „Demokratiestärkung und Politische Bildung im Sport“ auf Bundesebene einrichten

Um Sportvereine und -verbände adäquat zu unterstützen, zu begleiten und ihnen Maßnahmen zu ermöglichen, bedarf es der Einrichtung einer Stabsstelle „Demokratiestärkung und Politische Bildung im Sport“ auf Bundesebene, die grundsätzlich das Themenfeld bearbeitet. 


Für Kinder- und Jugendschutz die Prävention, Intervention und Aufarbeitung stärken:

Ein Bundesprogramm zur fachlichen Unterstützung der Präventions- und Interventionsarbeit einsetzen, Fachberatungsstellen ausbauen, Aufarbeitung ermöglichen

Außerschulische Kinder- und Jugendbildung soll die Lebenskompetenz von Kindern und Jugendlichen fördern. In Sportvereinen wird täglich durch engagierte und verantwortungsvolle Gestaltung des Kinder- und Jugendsportangebots und des Vereinsalltags die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen unterstützt und Selbstbewusstsein sowie gleichzeitig Achtung und Respekt füreinander vermittelt. Der organisierte Sport an sich trägt dabei an sich eine hohe Verantwortung für das Wohlergehen aller Engagierten und Aktiven. Das gilt insbesondere für die Angebote im Kinder- und Jugendsport. Die Deutsche Sportjugend engagiert sich aus ihrem Selbstverständnis heraus im Bereich des Kinder- und Jugendschutzes im Sport und bietet in diesem Zusammenhang eine Beratung und Qualifizierung der Mitgliedsverbände an. Die Weiterleitung von öffentlichen Mitteln zur Förderung von Maßnahmen hat die Deutsche Sportjugend an vorhandene Konzepte zur Prävention von und Schutz vor sexualisierter Gewalt gekoppelt. 
 

Bundesprogramm zur fachlichen Unterstützung der Präventions- und Interventionsarbeit einsetzen

Die Einsetzung eines Bundesprogramms zur fachlichen Unterstützung der Präventions- und Interventionsarbeit in den Sportverbänden ist notwendig. Denn verschiedene Forschungsprojekte zeigen, dass eine umfassende und erfolgreiche Umsetzung von Schutzkonzepten und ein Kulturwandel nur dann gelingt, wenn es neben der intensiven Bearbeitung im eigenen Verband ein fachlich kompetentes Coaching durch externe Fachleute und Beratungsstellen dieser gibt. 

Aufarbeitung ermöglichen

Notwendig ist auch die Stärkung einer unabhängigen Aufarbeitung, die für alle gesellschaftlichen Bereiche zuständig ist. Dafür möge die Bundesregierung das Mandat der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs auch über 2023 hinaus (aktuelle Befristung) verlängern, bereits jetzt die Kompetenzen ausweiten und das Büro der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs mit den entsprechenden personellen (aktuell 10 Personalstellen) und finanziellen Ressourcen ausstatten.  

Fachberatungsstellen ausbauen

Der flächendeckende Ausbau von spezialisierten Fachberatungsstellen insbesondere in ländlichen Regionen ist unerlässlich für das Ehrenamt im Sport.



Die Deutschen Sportjugend verweist im Übrigen auf die aktuellen Forderungen des Deutschen Olympischen Sportbundes für SPORTDEUTSCHLAND 2021-2025, die sie vollumfänglich unterstützt.


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