Das Jugendlager verbindet

20.12.2019

Eine Geschichte, die Lust macht auf das Jugendlager 2020.

Hildegard Falck dürfte vielen Olympiafans aus Deutschland im Zusammenhang mit den Spielen 1972 ein Begriff sein. Über die 800 Meter holte sie in München damals eine Goldmedaille für Deutschland - nur vier Jahre, nachdem sie selbst als Teilnehmerin am Jugendlager zu den Spielen in Mexiko teilgenommen hatte. Doch in der Familie Falck-Kimmich gibt es noch eine ganz besondere, tiefe Verbindung mit dem Jugendlager, die das Ehepaar Vertreter*innen der Deutschen Sportjugend (dsj) und der Deutschen Olympischen Akademie (DOA) bei einem gemeinsamen Treffen in Frankfurt näher brachten. Eine Geschichte, die Lust macht auf das Jugendlager 2020.


Sehr geehrte Frau Falck-Kimmich, sehr geehrter Herr Dr. Kimmich, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für das Gespräch nehmen. Sie bringen eine ganz persönliche Geschichte mit, die Ihre Familie mit dem Jugendlager verbindet.

Hildegard Falck-Kimmich (HFK): Das ist richtig. Wir beide haben uns nicht nur im Rahmen des Jugendlagers kennengelernt, sondern dann auch noch eine Tochter bekommen, die 1996 ebenfalls ins Jugendlager gegangen ist. Das Jugendlager ist ein großer Teil unserer persönlichen Geschichte geworden.


Das ist wahrscheinlich ziemlich einmalig. Das Olympische Jugendlager, das dafür den Grundstein gelegt hat, war das von 1968 in Mexico City. Vielleicht können Sie uns kurz beschreiben, wie genau Sie sich dort kennengelernt haben?

HFK: Während der Vorbereitung auf das Jugendlager wurden wir in verschiedene Workshops eingeteilt. Ich war beim Tanzen und mein Mann hatte sich für den Chor angemeldet. Wir haben an den Abenden viel miteinander gesungen und getanzt. Er fand es wohl so toll, dass er einen langen Brief an die Organisatoren geschrieben hat, in dem er darum bat die Gruppe wechseln zu dürfen.

Dr. Klaus Kimmich (KK): Nachdem wir näher in Kontakt kamen, wusste ich, dass ich mit ihr beim Tanzkreis sein möchte und erfand eine kleine stimmenbelastende Erkältung. Zum Glück war der Wechsel gar kein Problem.


HFK: Bis zur Hochzeit hat es dann allerdings schon noch eine ganze Weile gedauert. 1971 haben wir uns, während eines Wettkampfs von mir in Stuttgart, ein erstes Mal wiedergesehen. Ich bin damals den Weltrekord über 800m gelaufen.


KK: Wenn ich selbstbewusst wäre, dann würde ich sagen, das Treffen hat ihr zum Weltrekord verholfen. Das Ja-Wort haben wir uns schlussendlich 1978 gegeben - 10 Jahre nach unserem Kennenlernen im Jugendlager 1968.


1968 ist nun schon ein paar Jahre her. Was würden Sie sagen hat sich im Vergleich zu früher verändert, wenn Sie sich die Jugendlager der letzten Jahre ansehen?


HFK: Das fängt schon bei der Bewerbung an – die war damals extrem umfangreich. Wir mussten uns auf mehreren Ebenen in der Theorie sowie der sportlichen und der musischen Praxis gegen unsere Mitbewerber*innen durchsetzen. Um die deutsche Jugend gut zu repräsentieren, fuhren auch die fünf Gewinner des Wettbewerbs "Jugend musiziert" mit, um mit ihren jeweiligen Instrumenten auf der großen Bühne im Jugendlager aufzutreten.


KK: Die Sicherheitsbestimmungen waren damals ebenfalls noch ganz andere: wir konnten uns tatsächlich alle Events und Sportstätten anschauen. Unsere Eintrittskarten waren nicht einmal notwendig, da wir mit unserer gemeinsamen Teamkleidung, die es heute ja immer noch gibt, überall reingekommen sind. Wir konnten jederzeit ins Olympische Dorf und sind gemeinsam mit den Athlet*innen zu den Wettkämpfen gefahren. Besonders eindrucksvoll waren damals der Hochspringer Dick Fosbury, der die Hochsprungtechnik revolutionierte, und der Weitspringer Bob Beamon.
Natürlich war es damals auch – sicherlich anders als heute - für den überwiegenden Teil von uns die erste Flugreise, die über den Ozean ging. Der Kontakt zur Bevölkerung und zur anderen Kultur war ein ganz neues und besonderes Erlebnis für uns.


Im Lager kamen damals über 1.000 Jugendliche aus der ganzen Welt zusammen. Hatten Sie vor Ort auch Kontakt zu Jugendlichen anderer Nationen?


HFK: Dadurch, dass wir Fremdsprachen beherrschten, waren wir auch immer in der Lage, uns mit den Jugendlichen aus anderen Nationen auszutauschen. Die damaligen Teilnehmer*innen der DDR wurden allerdings leider von uns abgeschirmt. Ansonsten boten sich aber viele Möglichkeiten internationale Kontakte zu knüpfen: Einen belgischen Teilnehmer traf ich beispielsweise einige Jahre später auf einer Veranstaltung in München wieder. Er war inzwischen Vizepräsident des belgischen Leichtathletik-Verbands geworden.


Haben Sie immer noch Kontakt zu anderen deutschen Teilnehmer*innen des damaligen Jugendlagers?

KK: Zu den meisten Ehemaligen schon - ungefähr dreißig Jahre nach dem Jugendlager wurde auch ein erstes zentrales Treffen organisiert, zu dem damals zwölf der ehemaligen Teilnehmer*innen kamen. Danach ist die Zahl immer weiter angestiegen und die Veranstaltung hat sich stabilisiert. Mittlerweile treffen wir uns alle fünf Jahre im großen Rahmen.

HFK: Wenn wir in Regionen unterwegs sind, in denen Ehemalige wohnen, dann treffen wir uns zusätzlich gerne auch in kleinerer Runde. Über die Jahre sind so auch einige Freundschaften entstanden.


Was haben Sie persönlich aus dem Jugendlager mitgenommen? Inwiefern hat Sie das Jugendlager 1968 geprägt?

KK: Jeder, der dort war, hat damals unglaublich davon profitiert. Was wir gelernt haben: Man setzt sich ein und man setzt sich auch durch im Leben, wenn man durch den Sport gewohnt ist, sich auseinanderzusetzen. Es ist erstaunlich, was aus den damaligen Teilnehmer*innen alles geworden ist.

HFK: Das Jugendlager begleitet uns heute immer noch. Es hat mich damals so begeistert und motiviert, hart zu trainieren, dass ich es geschafft habe, selbst als Athletin an den Olympischen Spielen München 1972 teilzunehmen und sogar eine Goldmedaille über die 800 m-Distanz zu holen. Insgesamt haben das außer mir noch fünf andere Teilnehmer*innen geschafft. Anschließend habe ich einfach unheimlich viel gesehen durch den Sport – das hätte ich mir so sonst nie leisten können.


Sehr geehrte Frau Falck-Kimmich, sehr geehrter Herr Dr. Kimmich, vielen Dank für das Gespräch. Dann sind wir jetzt noch gespannter, was einmal aus den Teilnehmer*innen von 2020 werden wird.



Das Jugendlager ist ein großer Teil der persönlichen Geschichte des Ehepaars Falck-Kimmich geworden.

Über die 800 Meter holte Hildegard Falck-Kimmich in München damals eine Goldmedaille für Deutschland. ©1972/Kishimoto/IOC

Schon immer sportlich aktiv: Klaus Kimmich

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