Der fehlende „Igitt-Faktor“

20.08.2020

Videointerview mit Dr. Samuel Greef und Lukas Heller zur Studie „Bedrängte Zivilgesellschaft von rechts“ der Otto-Brenner-Stiftung

„Wie reagieren Akteure der organisierten Zivilgesellschaft darauf, dass Rechte verstärkt versuchen einen „Marsch durch die Organisationen“ anzutreten? Erweisen sich Gewerkschaften, Kirchen, Sportvereine, Wohlfahrtsverbände und Kultureinrichtungen als immun gegen solche Angriffe – oder stellen sie ein Einfallstor für entsprechende Akteure dar?“ Auf Basis detaillierter Dokumentenanalysen und zahlreicher Interviews hat die Studie „Bedrängte Zivilgesellschaft von rechts“ erstmals rechtspopulistische Interventionen und zivilgesellschaftliche Reaktionen analysiert sowie Unterschiede und Gemeinsamkeiten systematisiert. Zwei Autoren der Studie, Dr. Samuel Greef und Lukas Heller (beide Universität Kassel), standen für ein Videointerview mit Nina Reip (Geschäftsstelle Netzwerk Sport & Politik) zur Verfügung, um die Ergebnisse näher zu besprechen und verstärkt auf den Sport zu schauen. 

Eine Aussage aus einem Studien-Interview ist Greef insbesondere im Gedächtnis geblieben. „Rechtspopulistisches und rechtsextremes Gedankengut werde in Sportvereinen nicht mehr so stark tabuisiert. Durch den Erfolg der AfD gibt es eine Normalisierungsgefahr. Grund dafür ist der „Igitt-Faktor“, den es bei der AfD, im Gegensatz zur NPD, nicht mehr gibt.“ Zudem brauche die Rechte nicht viel zu machen, um Zustimmung im Sportbereich zu erhalten, da viele Themen im Sport anschlussfähig zu rechtspopulistischen Ideen seien, z.B. der Wettkampf mit möglichen diskriminierenden Beleidigungen oder der Nationalstolz.  

Mit konkretem Blick auf die Realitäten an der Basis, wo Sportvereine auch die gesellschaftlich wichtige Rolle haben, Orte der Begegnung zwischen unterschiedlichen Menschen zu sein, kann die Frage des Umgangs mit rechtspopulistischen Einstellungen von Mitgliedern belastend sein. Heller und Greef schlagen hier vor, dass der Verein sich zuerst der eigenen Werte bewusstwerden sollte. Auch sei es wichtig klarzustellen, welche Inhalte und Werte diskutabel seien. Dazu brauche es auch eine Bereitschaft von allen Seiten, sich offen auszutauschen. Wenn Personen hierzu nicht bereit sind und lediglich ihre Ideologien weiterverbreiten möchten, sei es elementar, Grenzen zu ziehen. Eine Konsequenz könne an dieser Stelle auch ein Verzicht auf die Mitgliedschaft dieser Personen sein.

Dsj und DOSB haben mit ihrer kürzlich veröffentlichten Positionierung zum „Umgang mit antidemokratischen, rechtspopulistischen und rechtsextremen Parteien, Gruppierungen und Akteur*innen“ die gemeinsame Wertebasis den organisierten Sports verdeutlicht und hiermit eine wichtige Grundlage für die weitere Auseinandersetzung gelegt.  

Auf die Frage nach den wichtigsten Voraussetzungen für die Entwicklung von erfolgreichen Gegenstrategien und Maßnahmen sieht Heller zwei Punkte: „Das diffuse Konstrukt des Rechtspopulismus besser verstehen lernen und Daten über Vorfälle sammeln, um Muster kennenzulernen. Dann können auch passgenaue Antworten entwickelt werden. Zudem werden bestehende Konflikte durch die Rechtspopulisten aufgegriffen und politisiert. Deshalb braucht es eine Auseinandersetzung mit den eigenen Konfliktlinien und Widersprüchen.“ 

Dieses Videointerview ist das dritte in seiner Reihe. Bereits stattgefunden haben ein virtuelles Gespräch mit Angelika Ribler (Sportjugend Hessen) und Dr. Reiner Becker (beratungsNetzwerk hessen) zu Beratung von Sportvereinen im Kontext Rechtsextremismus sowie ein Interview mit Dr. Martin Hyun (Hockey is diversity) zu seiner Sportkarriere und antiasiatischem Rassismus. 

Alle Videos finden Sie auf der Website des Netzwerks „Sport & Politik für Fairness, Respekt und Menschenwürde“ unter "Aktuelles". 



Foto: Otto-Brenner-Stiftung

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