Europa vor der Wahl

09.05.2019

Interview mit Michael Roth, Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt

Michael Roth  ist seit 1998 Mitglied des Deutschen Bundestages und seit dem 17. Dezember 2013 Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt. Seit Januar 2014 ist er auch Beauftragter für die deutsch-französische Zusammenarbeit.

dsj: Herr Roth, Sie sind Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt. Welche Aufgaben haben Sie in dieser Funktion?

Michael Roth: Ich habe gleich mehrere Hüte auf: Ich vertrete als direkt gewählter Bundestagsabgeordneter die Menschen aus meinen nordhessischen Wahlkreis und bin Ansprechpartner in Berlin für ihre Anliegen. Dazu kommt meine Rolle als Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt. Staatsminister leiten zwar kein Ministerium, sie haben dort aber einen eigenen Aufgabenbereich, den sie eigenverantwortlich betreiben - und meiner ist Europa. Ich habe in dieser Funktion Kabinettsrang und nehme stets an den Sitzungen der Bundesregierung unter Vorsitz der Bundeskanzlerin teil.
Das bedeutet ganz praktisch, die Europa-Politik des Auswärtigen Amtes mitzuverantworten, innerhalb der Bundesregierung zu koordinieren, in Brüssel präsent zu sein und im Bundestag zum Thema Europa Rede und Antwort zu stehen. Darüber bin ich auch für die Pflege der bilateralen Beziehungen zu den anderen 46 europäischen Staaten zuständig. Und als Beauftragter für die deutsch-französische Zusammenarbeit kümmere ich mich noch einmal ganz intensiv um unseren großen westlichen Nachbarn und Freund.

dsj: Mühsame Verhandlungen zum Brexit haben uns lang beschäftigt. Hier hatten Sie sich auch oft zu Wort gemeldet. Bekanntlich ist das Ergebnis des ursprüngliche Referendums in Großbritannien stark davon geprägt, dass eher wenige junge Wählerinnen und Wählern ihre Stimme abgegeben haben. Denken Sie, dass die Europawahl nun alle Altersgruppen besser mobilisieren wird?

Michael Roth: Wir sehen ja aktuell, dass junge Menschen gerade bei Themen, die sie direkt berühren, mit lauter Stimme für ihre Positionen eintreten. Das finde ich großartig! Über Klimaschutz, Friedenssicherung und das Urheberrecht wird maßgeblich in der EU entschieden. Ein vereintes vielfältiges und grenzenloses Europa ist für die meisten jungen Menschen heute eine Selbstverständlichkeit, die sie nicht mehr missen möchten. Daher hoffe ich sehr, dass diese Generation die Chance nutzen wird, Europa durch ihre Stimme aktiv mitzugestalten. Es gilt: Machen statt Meckern! Auf der anderen Seite müssen wir aber auch aufpassen, dass Europa jungen Leuten attraktive Angebote bietet, ihren Austausch weiter befördert und die Jugendarbeitslosigkeit wirksam bekämpft. Gerade in Zeiten zunehmender Globalisierung und Digitalisierung muss die EU für junge Menschen eine Zukunftsversicherung bleiben.

dsj: Wie erleben Sie die Rolle von Jugendverbänden sowie von Sportvereinen mit jungen Leuten im Ehrenamt bei Ihnen im Wahlkreis, national und europäisch?

Michael Roth: Die Arbeit von Verbänden und Vereinen ist in unserer Gesellschaft auf allen Ebenen ein großer Schatz. Gerade in meiner ländlich geprägten Heimat, in der ich seit 21 Jahren auch Bundestagsabgeordneter sein darf, sehe ich jede Woche, welche immense Arbeit Verbände und Vereine für unser Zusammenleben leisten – sie bilden, sie integrieren und vor allem bringen sie Menschen zusammen - unabhängig von Herkunft, Glauben und politischer Überzeugung. Gerade junge Leute haben hier die Chance, sich zu engagieren, Spaß zu haben, Erfüllung zu finden und die Gesellschaft um sie herum aktiv mitzugestalten. Hier sehen wir, auch durch eine zunehmende Flexibilisierung der Lebens- und Arbeitsbedingungen, einen verstärkten Trend zu eher projektbezogenem Engagement. Das sollten wir als Chance begreifen und uns freuen, dass junge Menschen sich weiter für ihr Umfeld und die Themen einbringen, die ihnen am Herzen liegen. Gerade im Bereich Europa sind wir auf die kritischen Impulse Jugendlicher angewiesen, schließlich geht es um ihre Zukunft.


Michael Roth (vorne) beim so genannten Lollslauf 2018 in seiner Heimatstadt Bad Hersfeld / Foto: Michael Roth MdB

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