Forschungs-Praxis-Dialog des Kinder- und Jugendsports: Die Lebenswelten junger Menschen müssen stärker berücksichtigt werden!

02.11.2021

Zukunftsweisendes Expert*innenhearing zur „Generation Workout – Kinder- und Jugendsport im Umbruch“

Am 28. und 29. Oktober 2021 fand das erste Expert*innenhearing des dsj-Forschungsverbundes und des Forschungsverbundes Kinder- und Jugendsport NRW „Generation Workout – Kinder- und Jugendsport im Umbruch“ statt. Zielsetzung des Hearings war es, über Dialog-Impulse aus der Wissenschaft und der Praxis zu schauen, wie sich der Kinder- und Jugendsport verändert und ob es tatsächlich einen „Umbruch“ gegeben hat. Dabei ging es um Themen, wie Digitalisierung, Körperbilder, Bewegung, Gesundheit, und wie das Brennglas Corona die Herausforderungen darin verschärft hat.  

Die Lebenswelten und Bedürfnisse junger Menschen erforschen und Jugend stärker beteiligen 

Die Impulse der Expert*innen waren dabei vielfältig. Den Anfang machte Wiebke Jessen (Sinus Institut) mit einer Zusammenfassung zur letzten Sinus-Studie. Sie beschreibt eine „ernste Generation“ – in der Umweltprobleme bedeutungsvoll geworden sind und das politische Interesse, nicht aber die Bereitschaft zu konventionellem Engagement gestiegen ist. 

Rebekka Kemmler-Müller (Referentin dsj) stellte hierzu die Sicht der Deutschen Sportjugend dar. Ein Fazit von ihr lautet: Wir müssen Jugend stärker beteiligen, sie direkt ansprechen und mit ihnen den Verein und die Gesellschaft gestalten! Die dsj nimmt dies bereits als eine Daueraufgabe wahr. 

Prof. Dr. Tim Bindel (Uni Mainz) hat in seiner Zeitreise – Jugend damals, Jugend heute – von den 90er Jahren bis 2021 dargestellt, wie sich die Lebenswelt junger Menschen insbesondere durch das Smartphone verändert hat.  Die Frage, die sich beim „Lifestyle“ junger Menschen stellt, ist, wer wird zu Gestalter*innen, Influencer*innen oder wer wird zu Konsument*innen? Es bestehe, laut Bindel, eine On-Demand-Kultur, eine ständige Verfügbarkeit von Beschäftigung für junge Menschen. Es müsse aber noch viel mehr über die Ansprüche und Interessen junger Menschen gesprochen werden. Jens Wortmann (Sportjugend NRW) stellte dar, wie die Sportvereine in NRW genau auf diese Ansprüche und Interessen junger Menschen reagieren. Und zwar mit Prepaid Modellen für Vereine, eine Gemeinschaft mit Flexibilität und Sportangeboten, die die unterschiedlichen Bedürfnisse junger Menschen bedienen. Es ginge darum, unterschiedliche Zugänge für unterschiedliche Zielgruppen zu schaffen. 

Prof. Dr. Jessica Süssenbach (Uni Lüneburg) und Dr. Ahmet Derecik (Uni Berlin) zeigten, dass den Herausforderungen im Sport in der kommunalen Bildungslandschaft zu begegnen sei, in dem die komplexen Strukturen hinter den sozial benachteiligten jungen Menschen erforscht werden müsse.  Susanne Ackermann (LSB NRW) machte deutlich, dass die Lebensräume und Freizeitorte im Sport insbesondere unter Berücksichtigung der Perspektive von Kindern und Jugendlichen zu gestalten seien. Darüber hinaus müsse der Dialog über Ziele und Inhalte von Vereinen und Schulen auf Augenhöhe geschehen. 

Corona als Verstärker von sozialer Benachteiligung und körperlicher Inaktivität 

Dr. Dennis Dreiskämper (Uni Münster) zeigte in seinem Vortrag deutlich, welche Auswirkungen Corona auf die Kindergesundheit, körperliche Aktivität, auf die psychische und soziale Gesundheit von Kindern hatte. In einer Studie von Grundschulkindern zeigte er, wie die Fitness und spezifische Risikofaktoren (Bildung, Hintergrund der Eltern etc.) zusammenhängen. Während Corona nahmen die motorischen Leistungen von Kindern, die schon „abgehängt“ waren und mehr Risikofaktoren aufweisen eher ab, während sich Kinder mit stabilem Elternhaus hinsichtlich ihrer motorischen Leistungen teilweise verbesserten. Diejenigen, die es dringend nötig hätten, haben während Corona „verloren“. Das Fazit: Ein wichtiger Zugang zu mehr Bewegung sind Freude und Spaß, es müssen Zugänge für alle Kinder und junge Menschen geschaffen werden. Heike Hülse (Referentin dsj) bekräftigte Bindels Ergebnisse, indem sie zeigte, dass Corona die Situation der prekären Lebenswelten junger Menschen und Kinder durch die Einschränkungen verstärkt habe. Im Verlauf der Pandemie hat sich der mentale Zustand verschlechtert. Die dsj hat, um all das aufzuholen und einen Neustart zu initiieren, ein durch das BMFSFJ gefördertes Aufholpaket und die Bewegungskampagne, MOVE, ins Leben gerufen.  


Digitale Tools sinnvoll für mehr Bewegung und soziale Interaktion im Sport nutzen 

Claudia Steinberg (Sporthochschule Köln) stellte Möglichkeiten in ihrem Impuls zu #digitanz vor, wie Bildungsformate initiiert werden müssten, damit junge Menschen abgeholt werden. Dabei stellte sie vor, wie die Vermittlung von Tanz und Bewegung über eine App, die über die Sporthochschule Köln entwickelt wurde, gelingen kann. Dabei wurden auch Risiken, Herausforderungen und Möglichkeiten diskutiert. Digitale Medien eröffnen Vermittlungsperspektiven auf die bestehende Lehr-/Lernpraxis. Wichtig ist immer die Frage, was man sich davon zu Nutze machen kann, um bestimmte Zielgruppen zu erreichen. Der passende Praxisimpuls von Julia Limmeroth (Uni Kassel, TSG Wilhelmshöhe), ging auf das Projekt „Get up, Stand up, move up“ ein. Mit entsprechenden Methoden kann auch die Partizipation und Bewegungsförderung von Kindern im digitalen Raum gelingen. Ihr Fazit: „Sporttreiben im digitalen Raum ist möglich, die soziale Angebundenheit kann sogar in Teilen erreicht werden.“ 


Das Thema „Körper“ stärker zum Thema im Kinder- und Jugendsport machen 

Prof. Dr. Esther Pürgstaller (Uni Potsdam) eröffnete mit ihrem Vortrag „Have a body – be some body?“ neue Perspektiven auf die Inszenierung von Körperbildern in sozialen Medien.  

Körperbilder haben unterschiedliche Ausprägungen, Formen und Bedeutungen. Die Sportpädagogik sei im Bereich Körperbilder eher zurückhaltend, dabei plädiert Pürgstaller dafür, den Körper und Körperbilder viel stärker zum Thema im Kinder- und Jugendsport zu machen. Was bedeutet es, wenn junge Menschen sich fotografieren und darstellen? Wie stellen sie ihren Körper im Sport dar? Welches Verständnis haben sie davon? Die körperbezogene Entwicklung junger Menschen dürfe nicht aus dem Blick geraten, nicht in der Forschung und nicht in der Praxis. Katja Klemm (KIT, Triathlon-Union) stellte Instagram-Auszüge von Triathlet*innen vor, die einen Einblick darüber gewähren, wie das Körperbild im Kontext der Digitalisierung aussieht. Aber viele Fragen sind noch offen: Welches Verständnis haben junge Menschen von ihrem Körper im Sport, welches haben die Vereine und wie setzen sich diese eigentlich mit diesem Thema auseinander? 



Foto: dsj

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