Hauptausschuss der dsj: Antworten auf aktuelle Fragen des Jugendsports

29.10.2019

Der Hauptausschuss der Deutschen Sportjugend hat am 26. Oktober 2019 in Hamburg getagt und aktuelle Themen in den Blick genommen. Speziell die Situation der Freiwilligendienste, Maßnahmen zur Prävention sexualisierter Gewalt und das Aufstehen gegen Rechtsextremismus waren zentrale Themen der Veranstaltung.

Aktuelle Fragen des Jugendsports und die Antworten darauf standen im Zentrum der Hauptausschusstagung der Deutschen Sportjugend (dsj) in Hamburg. Die Delegierten der 79 dsj-Mitgliedsorganisationen setzten sich im Haus des Sports mit den Berichten der von Jan Holze geführten Vorstandsmannschaft auseinander und erörterten Themen aus den zehn Handlungsfeldern, nach denen die dsj ihre Tätigkeiten strukturiert hat.
Der 1. Vorsitzende der dsj, Jan Holze, brachte dabei seine Sorge um die Fördersituation für Freiwilligendienste wie das Freiwillige Soziale Jahr und den Bundesfreiwilligendienst im Sport zum Ausdruck: „Ich bin besorgt. Der Bedarf an Angeboten ist enorm, aber ich vermisse die politische Unterstützung.“ Der Bundeshaushalt sei eine kalte Dusche gewesen. Holze wünscht sich ein verlässliches Signal: „Wir brauchen eine dauerhafte, verlässliche Förderung, damit wir die Freiwilligendienste so ausbauen können, wie es notwendig ist.“
Der dsj-Vorsitzende sprach ebenso den Umsetzungsstand von Maßnahmen zur Prävention sexualisierter Gewalt in den Mitgliedsorganisationen an. Das dsj-Stufenmodell zeige, dass sich der gemeinnützige, organsierte Sport diesem Thema ernsthaft widme, und er sei zuversichtlich, dass bis 2022 von den Mitgliedsverbänden alle Anforderungen erfüllt würden. Dennoch sei er enttäuscht, wie diese enormen Anstrengungen bisher in der Öffentlichkeit dargestellt würden, zu sehr dominierten einzelne Fälle die Wahrnehmung. Nach dem dsj-Stufenmodell sind von den Mitgliedsorganisationen sukzessiv steigende Mindeststandards hinsichtlich der Prävention sexualisierter Gewalt zu erfüllen. Die dsj knüpft zudem die Weiterleitung öffentlicher Mittel für den Jugendsport an die Erfüllung dieser im Stufenmodell festgelegten Mindeststandards. „Wir werden nicht umhinkommen, dieses Thema auch in den kommenden Jahren mit besonderer Aufmerksamkeit zu verfolgen“, sagte Holze. Auch hier rief er die politisch Verantwortlichen zu mehr finanzieller Unterstützung auf: „Wir sind überzeugt davon, auf dem richtigen Weg zu sein, sind aber noch nicht so kraftvoll aufgestellt, wie wir es uns als Dachverband wünschen würden.“
In der aktuellen Debatte um die Einführung der Umsatzsteuerpflicht für Bildungsinhalte bezog Holze eine ebenso klare Position: „Die Bildungsinhalte des Sports müssen von der Umsatzsteuer befreit bleiben. Wir werden diese Diskussion im Blick behalten.“
Andy Grote, Senator der Behörde für Inneres und Sport der Freien und Hansestadt Hamburg, unterstrich in seinem Grußwort die Bedeutung der Jugendorganisationen im Sport. Dank ihnen würden „junge Menschen in die Situation gebracht, Verantwortung zu übernehmen und die Gesellschaft mitzugestalten“. Die Sportjugend engagiere sich in vielfältiger Weise: „Sie hilft große gesellschaftliche Herausforderungen zu bestehen, davon haben wir gerade im Moment ja nicht wenige.“

Appell für noch mehr Courage
Eine dieser Herausforderungen sprach Benny Folkmann an. Der 2. Vorsitzende der dsj verwies auf die Erfolge im Handlungsfeld „Sport mit Courage“, wo die dsj ihre Maßnahmen für Demokratieförderung bündelt, warnte jedoch gleichzeitig eindringlich und wandte sich dafür direkt an die Zuhörenden: „Ich darf Euch trotz all dieser tollen Projekte mit weit über die Maßen leidenschaftlich engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern etwas sagen: Es reicht nicht. Es reicht nicht annähernd!“ Folkmann stellte auch mit Blick auf den Anschlag am 9. Oktober in Halle heraus: „Wir haben seit Jahren ein massives Problem mit rechtsextremer Gewalt in diesem Land.“ Als größte zivilgesellschaftliche Bewegung mit zehn Millionen Kindern, Jugendlichen und jungen Menschen trage der organisierte Sport eine besondere Verantwortung. Folkmann appellierte an die Delegierten der Mitgliedsorganisationen: „Nutzt Eure Fähigkeiten, nutzt Eure Netzwerke, nutzt Eure Strahlkraft, nutzt die Kraft des Sports. Steht auf gegen Hetze, seid laut gegen Rassismus und Antisemitismus!“

Erste Deutsche-Russische Jugendsportkonferenz
Ein positives Zeichen der Verständigung setzt die Entwicklung in der internationalen Austauschzusammenarbeit mit Russland. Dort ist die Russische Studenten Sport Union (RSSU) der Partner der dsj. Unmittelbar vor der dsj-Tagung war in Hamburg die erste Deutsch-Russische Jugendsportkonferenz durchgeführt worden. Das Abschlusskommunique unterzeichneten RSSU-Präsident Sergey Seyranov und Jan Holze beim Hauptausschuss. Seyranov sagte: „Wir verstehen uns sehr gut. Selbst wenn wir zwei verschiedene Sprachen sprechen, sprechen wir eine Sprache gemeinsam, die des Sports. Wir legen großen Wert auf die Zusammenarbeit mit der Deutschen Sportjugend. Sie kann ein Zeichen setzen: Der Austausch im Sport kann die Welt ein klein wenig besser machen.“
Die Delegierten des Hauptausschusses entlasteten den dsj-Vorstand einstimmig. Sie genehmigten ebenso einstimmig den Wirtschaftsplan für das Jahr 2020 mit einem Haushaltsvolumen von rund 16,4 Millionen Euro.

Ehrungen außergewöhnlich Engagierter
Der Hauptausschuss ist stets Gelegenheit für Ehrungen außergewöhnlich Engagierter der dsj-Mitgliedsorganisationen. Den Diskus, die höchste Ehrung der dsj, und stehende Ovationen erhielt Matthias Loerke, der seit 1990 Geschäftsführer der Sportjugend Sachsen-Anhalt ist. Mit der Ehrengabe der dsj ausgezeichnet wurden Bernd Anich (Deutsche Turnerjugend), Doris Birkenbach (Deutsche Handballjugend), Nicolas Fröhlich (Deutsche Leichtathletik-Jugend), Reinhard Linke (Deutsche Seglerjugend), Anja Mertens (Sportjugend Sachsen-Anhalt), Volker Missonnier (Deutsche Minigolfjugend), Jürgen Schäfer (Deutsche Fußball-Jugend) und Kay Zobel (Deutsche Pferdesportjugend). Die Jugend-Ehrennadel für junge Engagierte erhielten Marie-Helene Fischer (Deutsche Pferdesportjugend), Andreas Heßelmann (Deutsche Handballjugend), Katrin Heyers (Deutsche Leichtathletik-Jugend), Melanie Kossmann (Deutsche Handballjugend) sowie Jennifer Schauer (Deutscher Kegler- und Bowlingbund).

Ewald Lienen und weitere Experten
Programmpunkte mit externen Expert*innen luden die dsj-Jahrestagung zusätzlich inhaltlich auf. Dazu gehörte ein Gespräch von Benny Folkmann mit dem früheren Fußballprofi und Bundesligatrainer Ewald Lienen, heute Technischer Direktor beim Fußball-Zweitligisten FC St. Pauli, zum Thema „Wie rebellisch sollte der Sport sein?“ Nicht die nächste Resolution zähle, findet Lienen, sondern „das, was Menschen überzeugt, ist das, was man tut“. Der prominente Gesprächsgast wies die Delegierten darauf hin, nicht die Zeichen der Zeit zu verpassen: „Das, was wir wollen, müssen wir viel intensiver in die sozialen Netzwerke geben.“ Auch beim Kampf gegen den Klimawandel solle man „radikal andere Werte nach vorne holen“. Der Sport müsse „auf eine konstruktive Art und Weise“ rebellisch sein. Durch Leuchtturmprojekte böte sich die Chance, etwas zu verändern: „So, dass andere sehen: Das können wir auch machen.“
Um „Engagementspolitik und Ehrenamtsgewinnung“ ging es bei dem von Jan Holze moderierten „Frühstückscafé“. Dabei beleuchteten Dr. Holger Krimmer, Geschäftsführer der ZiviZ gGmbH im Stifterverband, und Dr. Thomas Leppert, Geschäftsführer der Heldenrat GmbH, Trends der Zivilgesellschaft sowie die Herausforderungen der Digitalisierung bei der Förderung junger Engagierter. Drei Workshops zu den Themen „Sports for Future: Beteiligung und Anregungen für Nachhaltigkeit im Sport“, „Frauen in Führungspositionen in Sportstrukturen“ sowie „eGaming/Virtuelle Sportarten“ schlossen die Hauptausschusstagung ab.


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