Kinder brauchen mehr Bewegungszeit!

02.05.2018

Kommentar zu den ersten Ergebnissen der 2. Welle KiGGS

Am 15. März 2018 wurden die ersten Ergebnisse der 2. Welle der „Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland“ (KiGGS)1 veröffentlicht. KiGGS ist eine Langzeitstudie des Robert Koch-Instituts, die unter anderem die körperliche Aktivität von Kindern und Jugendlichen in Deutschland untersucht. Die Untersuchung verfolgt dabei zwei große Fragekomplexe. Zum einen will sie den aktuellen Gesundheitsstand von Kindern und Jugendlichen dokumentieren, zum anderen zielt sie auf Erkenntnisse zur gesundheitlichen Entwicklung im Lebensverlauf ab.

Wichtigste Ergebnisse der KiGGS-Studie Welle 2

Eltern schätzen in KiGGS Welle 2 den allgemeinen Gesundheitszustand ihrer 3- bis 17-jährigen Kinder zu 95,7 % als sehr gut oder gut ein (höherer Anteil als bei Basiserhebung). Der Anteil der Eltern, die die allgemeine Gesundheit ihrer Kinder als sehr gut oder gut einstufen, ist umso größer, je höher der Sozialstatus der jeweiligen Familie ist.

Die Ergebnisse zur körperlichen Aktivität von Kindern und Jugendlichen zeigen, dass weniger als die Hälfte der 3- bis 17-jährigen die von der WHO empfohlenen 60 Minuten tägliche Mindestbewegungszeit erreichen. Lediglich 22,4 % der Mädchen und 29,4 % der Jungen bewegen sich am Tag mindestens eine Stunde. Dabei ist zu beobachten, dass das Erreichen der empfohlenen täglichen Bewegungszeit mit zunehmendem Alter abnimmt. Mädchen sowie Kinder aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status sind besonders betroffen. Letztere sind nachweislich seltener Mitglied in einem Sportverein. Im Vergleich zur 1. Welle erreichen drei- bis zehnjährige Mädchen die WHO-Bewegungsempfehlungen deutlich seltener.

Blickt man auf die Zahlen der Übergewichts- und Adipositasprävalenz zeigt sich, dass die Zahl der betroffenen Kinder (Übergewicht 15,4 %; Adipositas 5,9 %) stagniert, dies jedoch auf einem recht hohen Niveau. Übergewicht und Adipositas wirken sich negativ auf den Gesundheitszustand von Kindern und Jugendlichen aus und können sowohl in der Kindheit als auch im erwachsenen Alter zu gesundheitlichen Problemen führen. Darüber hinaus sinkt die Lebensqualität betroffener Kinder und die Gefahr gemobbt zu werden steigt. Die KiGGS Ergebnisse weisen einen Zusammenhang von Adipositas und Übergewicht mit niedrigem sozioökonomischem Status nach.

Ausreichend Bewegung wird von KiGGS als nachweislicher Baustein einer gesunden Entwicklung von Kindern benannt. Die Bewegungsförderung im Kindes- und Jugendalter sollte laut der KiGGS Wissenschaftler/innen einem lebensweltbezogenen Ansatz folgen und Maßnahmen umfassen, die Kindergärten und Schulen sowie das häusliche Umfeld der Kinder und Jugendlichen bewegungsfreundlicher machen.

Gesundheitsförderungs- und Präventionsmaßnahmen, die zu einer Reduktion der Übergewichts- und Adipositasprävalenz beitragen, sollten der Studie zufolge nicht nachlassen. Laut WHO führen Maßnahmen zu individuellen Verhaltensänderungen nur begrenzt zur Problemlösung. Vielmehr sollten verhältnispräventive Ansätze, die im Lebensumfeld ansetzen, durchgeführt werden und als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden werden.

Kommentierung

Die vorliegenden Ergebnisse verdeutlichen, die Notwendigkeit gesamtgesellschaftlicher Strategien zur Reduzierung gesundheitlicher Ungleichheiten sowie den Bedarf an zielgruppenspezifischen Angeboten der Prävention und Gesundheitsförderung.

Die Ergebnisse mit Blick auf die Mindestbewegungszeit von 60 Minuten am Tag signalisieren Handlungsbedarf.  Insbesondere wenn wir die neuen nationalen Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung mit in den Blick nehmen. Diese  empfehlen für Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren sogar eine tägliche Bewegungszeit von mindestens 180 Minuten, für ältere Kinder mindestens 90. Nicht einmal die Hälfte der Kinder und Jugendlichen bewegen sich eine Stunde am Tag. Bedenklich ist zudem die Aussage, dass insbesondere Kinder aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status betroffen sind und weniger an Sportvereinsangeboten teilnehmen.

Forderungen

Die Deutschen Sportjugend (dsj) sieht hier einen dringenden Handlungsbedarf. Die dsj und ihre Untergliederungen leisten bereits einen großen Beitrag zur Bewegungsförderung von Kindern und Jugendlichen. Wir sind dazu bereit, uns den aktuellen Herausforderungen durch weitere Maßnahmen zu stellen und die Politik bei der Verbesserung der Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen mit Blick auf die körperliche Aktivität zu unterstützen. Zur Umsetzung weiterer Maßnahmen benötigen wir jedoch politische und monetäre Unterstützung durch öffentliche Förderung.

Auf Grundlage der neuen KiGGS Ergebnisse müssen den nationalen Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung konsequent Programme folgen. Programme, die entsprechend finanziell ausgestattet sind und die Potenziale der vorhandenen Angebote und Strukturen unterstützen. Dies mit dem Ziel unter Beachtung der nationalen Empfehlungen Maßnahmen zur Bewegungsförderung von Kindern und Jugendlichen voran zu treiben. Dabei sind alle Lebenswelten mitzudenken und Schwerpunkte bei den Kindern und Jugendlichen zu setzten, die besonders von Bewegungsarmut betroffen sind.

Tobias Dollase, Vorstandsmitglied der Deutschen Sportjugend

1 2003 bis 2006 erfolgte die KiGGS-Basiserhebung. Die erste Fortsetzungsstudie namens KiGGS Welle 1 begann 2009 und endete im Jahr 2012. KiGGS Welle 2 startete im September 2014. Die Datenerhebung von KiGGS Welle 2 endete im August 2017.


Ausreichend Bewegung wird von KiGGS als nachweislicher Baustein einer gesunden Entwicklung von Kindern benannt, Foto: fotolia.com/Martinan

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