„Kindeswohl ist nicht verhandelbar“

28.10.2017

Einsichten und Diskussionen beim Abschlussforum zur „Safe Sport“-Studie

Vor den aufschreckenden Nachrichten zuerst die gute Botschaft: Das Qualifizierungsmodul der Deutschen Sportjugend (dsj) zur Prävention sexualisierter Gewalt unterstützt erwiesenermaßen eine Kultur des Hinsehens, die wiederum Fällen vorbeugt. Das mit Präsentationen und Fallbeispielen ausgestattete Workshop-Konzept setzen Verbände und Vereine seit 2012 für die Schulung von Referent/innen und Mitarbeiter/innen ein. Dadurch wird das Wissen über das Thema, die Einschätzung seiner Bedeutung und auch die Intention, selbst präventive Maßnahmen in Angriff zu nehmen, gesteigert. Die positiven Effekte dieses Werkzeugs sind eine Nebenerkenntnis der in den drei vergangenen Jahren durchgeführten wissenschaftlichen Untersuchungen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen im gemeinnützig organisierten Sport.

Im Forschungsprojekt „Safe Sport“ haben Wissenschaftler/innen der Deutschen Sporthochschule in Köln und des Universitätsklinikums Ulm mit Unterstützung der Deutschen Sportjugend und gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung sexualisierte Übergriffe im Wettkampf- und Leistungssport sowie die Präventionsmaßnahmen in Verbänden, Vereinen, Olympiastützpunkten und Sportinternaten untersucht. Die Forscher/innen präsentierten Interessierten und Mitarbeitenden aus rund 60 dsj-Mitgliedsorganisationen nun im Vorfeld der Hauptausschuss-Tagung des Jugendverbands in Neubrandenburg konkrete Ergebnisse. Sie sollten Sorgenfalten auf der Stirn von Verantwortlichen in den Strukturen des deutschen Sports hinterlassen und Anlass für verstärkte Anstrengungen sein: 37 Prozent von rund 1.800 befragten Kaderathlet/innen geben an, eine Form von sexualisierter Gewalt im Sport erfahren haben, 11 Prozent gar schwere und/oder länger andauernde sexualisierte Gewalt (weitere Ergebnisse zusammengefasst unten, in der Pressemitteilung des Forschungsverbunds sowie in der ausführlichen „Safe Sport“-Darstellung). Das Fazit der Forscher/innen: Junge Spitzensportler/innen sind eine Gruppe, die besonders häufig sexualisierte Gewalt in- und außerhalb des Sports erfahren.

Leistungssport im Fokus

Der Leistungssport rückt in den Fokus. Einerseits durch die Werte bei der Untersuchung der Kaderathleten/innen, andererseits zeigen auch die Befragungen von Verantwortlichen der Organisationen „Reserven“: Zwar sind 85 Prozent der Spitzenverbände, 82 Prozent der Sportinternate und 46 Prozent der Olympiastützpunkte der Auffassung, die Prävention von sexualisierter Gewalt sei ein relevantes Thema für den organisierten Sport. Jedoch geben nur je 39 Prozent der Spitzenverbände und Sportinternate sowie 23 Prozent der Olympiastützpunkte an, über fundierte Kenntnisse zum Thema zu verfügen. Klar wurde in Neubrandenburg, was Forschungsleiterin Dr. Bettina Rulofs von der Deutschen Sporthochschule so zusammenfasst: „Die Zuständigkeiten für das Thema scheinen im Verbundsystem Nachwuchsleistungssport noch nicht hinreichend geklärt.“

Was hilft, um das Thema überall auf die Agenda zu setzen? „Politischer und gesellschaftlicher Druck“, findet „Safe Sport“-Forscher Dr. Marc Allroggen von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychatrie/Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm. „Sexualisierte Gewalt ist nichts Banales, sondern kann beträchtliche Auswirkungen auf die Betroffenen haben.“ Der dsj-Vorsitzende Jan Holze erinnerte daran, wie wichtig es für die Prävention sei, „auf allen Ebenen Unterstützung zu bekommen, vor allem auch durch die öffentliche Verwaltung. Kinderschutz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Da gibt es kein Entweder-oder.“ Die sich aus der Münchner Erklärung von 2010 ergebende Verpflichtung der Sportverbände gelte weiterhin.

„Abschlussforum“ war die Zusammenkunft betitelt worden. Die Studie „Safe Sport“ ist vorerst zu ihrem Ende gekommen, gleichwohl „sind wir erst am Beginn des Weges“, sagte Forscher Allroggen. Neubrandenburg war da ein Meilenstein. Die dsj wird dieses Feld weiter beackern und unterstützen, die Prävention sexualisierter Gewalt in die Breite zu tragen. Wie das geschehen kann, dazu gab es Handlungsempfehlungen und darüber haben die Teilnehmenden des Forums nach der Vorstellung der „Safe Sport“-Ergebnisse intensiv diskutiert. Dabei tauchte auch diese Frage auf: „Sind wir noch zu brav?“ Sollten die Jugendverbände im Sport nicht fordernder auftreten? Wie steht es um die finanzielle und organisatorische Förderung durch die öffentliche Hand, wie um die Aufnahme des Themas in die Spitzensportreform, und wie können Eltern mit einbezogen werden? Das muss weiter erörtert werden, denn in einem sind sich alle einig: Kindeswohl ist nicht verhandelbar.

Deutschlandfunk Kultur berichtet am Sonntag, 29. Oktober, um 17.30 Uhr in der Sendung „Nachspiel“ über die Veranstaltung und die „Safe Sport“-Studie.

Die dsj vermittelt Referenten/innen, die vereins- und verbandsspezifische Qualifizierungsveranstaltungen zur Prävention sexualisierter Gewalt gestalten (Kontakt über dsj-Referentin Elena Lamby, lamby@remove-this.dsj.de).

Ergebnisse von „Safe Sport“ zu Athlet/innen
„Besonders belastete Gruppe“


Zusammenfassung und Fazit des Studienteils zu „Gewalterfahrungen von Athletinnen und Athleten“, präsentiert von Dr. Marc Allroggen, Klinik für Kinder- und Jugendpsychatrie/Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm, am 26. Oktober 2017:
  • „Über die Hälfte (54 Prozent) der Kaderathleten/innen haben in ihrem Leben bereits sexualisierte Gewalt erfahren.
  • Mehr als ein Fünftel (22 Prozent) der Kaderathleten/innen haben in ihrem Leben bereits schwere sexualisierte Gewalt erfahren.
  • Über ein Drittel (37 Prozent) der Kaderathleten/innen haben in ihrem Leben bereits sexualisierte Gewalt im Kontext Sport erfahren.
  • Hohe Überschneidung von sexualisierter Gewalt und insbesondere emotionaler Gewalt.
  • Fast ein Drittel (30 Prozent) der Kaderathleten/innen haben körperliche Gewalt im Sport erfahren.
  • Fast alle (86 Prozent) der Kaderathleten/innen haben emotionale Gewalt im Sport erfahren.
  • Im Vergleich mit der Allgemeinbevölkerung stellen Kaderathleten/innen eine besonders belastete Gruppe in Bezug auf Gewalterfahrungen dar.“


v.l.n.r.: Jan Holze, Dr. Bettina Rulofs, Dr. Marc Allroggen, Foto: dsj

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