Mentale Gesundheit zum Thema machen

23.06.2021

Ein Kommentar von Kiki Hasenpusch

Schon bei der alltäglichen Frage „na, wie geht’s?“ sagen viele Menschen nicht, wie es ihnen wirklich geht. Das mag zum einen an der Distanz zwischen den Personen liegen, aber auch daran, dass über mentale/psychische (Un-) Gesundheit nicht gerne gesprochen wird. Doch diese ist wesentlich für das persönliche Wohlbefinden und sollte kein Tabu sein.

Die veröffentlichen Zahlen aus verschiedensten Studien zur Situation junger Menschen während der Pandemie sind erschreckend. 71% der Kinder und Jugendlichen fühlen sich durch die Beschränkungen der Pandemie psychisch belastet, die gesundheitsbezogene Lebensqualität hat sich um 25% vermindert, junge Menschen sind niedergeschlagener, gereizter. Mit solchen dramatischen Befunden der Wissenschaft ließe sich vermutlich dieser Kommentar füllen. Unterm Strich steht eine enorme mentale Last, die junge Menschen zu tragen haben. 

Woher kommen diese psychischen Belastungen? 

Kinder und Jugendliche befinden sich in einer sensiblen Lebensphase. Sie stehen vor herausfordernden Aufgaben ihrer Persönlichkeits- und Identitätsentwicklung, wollen sich orientieren und ausprobieren. In der Pandemie wurde diese Realität leider zu wenig anerkannt, die speziellen Bedürfnisse nicht ernst genommen. Zum einen wurde Kindern und Jugendlichen häufig die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben verwehrt, ihnen wurden Kompetenzen abgesprochen und sie wurden zu lange pauschal in institutionelle Schubladen gesteckt. Zum anderen hat sich durch die Reduzierung von zwischenmenschlichen Kontakten und die Schließung von Bildungseinrichtungen, Freizeitangeboten und Sportmöglichkeiten bei vielen Einsamkeit breit gemacht.*

Schon vor Corona stand fest, dass sich Kinder und Jugendliche zu wenig bewegen. Durch die Pandemie und ihre Beschränkungen bis hin zum Lockdown hat sich der Bewegungsmangel noch einmal verschlimmert. Neben der fehlenden Bewegung kamen Faktoren wie Ungewissheit und Alleinsein hinzu. Während Wirtschaftsbetriebe weiter funktionierten, war der Alltag für viele Kinder und Jugendliche grau – keine Bildungsangebote, keine Freizeitaktivitäten, keine Treffen mit Freund*innen, keine Bewegung. Es fehlten Zugänge, positive Emotionen, Erlebnisse und Struktur im Alltag. Wenn wir den organisierten Sport betrachten, kam es nicht nur für junge Vereinssportler*innen, sondern auch für junge Engagierte vermehrt zu Unsicherheiten. Durch fehlenden persönlichen Kontakt zu anderen Menschen wurden die Gefühle anderer weniger wahrnehmbar, wodurch das Erleben von Emotionen und Empathie erschwert wurde. Gemeinsame Erlebnisse, das Miteinander und die aktive Mitgestaltung von Inhalten sind normalerweise Antrieb für die ehrenamtlich Tätigen.

Einsamkeit und mangelnde Bewegung schwächen Herz, Kreislauf, Immunsystem und damit die ganzheitliche Gesundheit und das Wohlbefinden. Dies führt zum traurigen Ergebnis: mehr psychische Auffälligkeiten und Krankheiten bei Kindern und Jugendlichen.

Mentale Ungesundheit ist in der Gesellschaft (noch) ein Tabu-Thema. Es wird kaum darüber gesprochen und gar der Eindruck erweckt, es wäre eine Schwäche oder Versagen, psychisch belastet oder krank zu sein. Wird etwaiges geäußert, muss damit gerechnet werden, dass abgewunken wird. Jungen Menschen sollten Hilfestellungen gegeben werden, ihre Ängste und Sorgen nicht abgetan werden, denn Krankheiten müssen nicht sichtbar sein, um da zu sein. Oft kann nicht klar benannt werden, wo Probleme liegen, es besteht ein diffuses Unwohlsein. Die erste Aussprache kostet schon große Kraft und Überwindung, werden Kinder und Jugendliche dann nicht ernst genommen, verschlimmert sich die Situation. Hier sind niedrigschwellige Angebote, um jungen Menschen zuzuhören, von großer Bedeutung.

Sportvereine bieten für Sportler*innen, aber auch für junge Engagierte ebendiese niedrig-schwelligen und zielgruppengerechten Angebote. Sie schaffen Zugehörigkeit, ein „Wir-Gefühl“ und natürlich sorgen sie auch für die so wichtige Bewegung zur Gesundheitsförderung. Sie bieten Kontakt zu Gleichaltrigen und Räume zum Ausprobieren, Orientieren, Mitgestalten und Fehler machen. Im, mit und durch Sport lernen Kinder und Jugendliche Verantwortung zu übernehmen - solche, die in der Pandemie gebraucht worden wäre. Sie lernen spielerisch Werte kennen, wie Solidarität und Toleranz – solche, die sie in der Pandemie geduldig vorgelebt haben. 

Prävention und Intervention sind wichtig!

Als Gesundheitsförderer hat der Kinder- und Jugendsport großes Präventionspotential. Menschen, die jung lernen, dass Bewegung zum Alltag gehört, bewegen sich auch im Laufe ihres Lebens mehr. Gesundheit sollte ganzheitlich im Fokus stehen, nicht nur durch Sichtbarkeit oder Abwesenheit von Krankheit definiert werden. Insbesondere in der aktuellen Situation sollten Sportvereine nun ihrer Rolle gerecht werden dürfen – der Rolle, junge Menschen in ihren Bedürfnissen zu sehen und Kindern und Jugendlichen das zurückzugeben, was sie in der Pandemie entbehren mussten – Stimme, Halt, Struktur, Gemeinschaft und Bewegung.

Geben wir jungen Menschen ihre Stimme zurück, helfen wir ihnen, dass sie zurück zum sozialen Miteinander und zu Alltagsstrukturen finden. Sorgen wir dafür, dass sich durch Bewegung, Spiel und Sport mehr junge Menschen wohlfühlen und gesund sein können. 

Insbesondere die mentale, psychische Gesundheit, die durch die Pandemie in den Fokus gerückt ist, sollte häufiger thematisiert, die Frage „wie geht’s dir?“ ernst genommen und über Gefühle und das (Un-)Wohlsein gesprochen werden. Denn es ist okay, wenn es uns mal nicht gut geht. 

Hören wir genau hin, nehmen wir genau wahr, sprechen wir über Belastungen, Unwohlsein und enttabuisieren wir gemeinsam psychische (Un-) Gesundheit.

Bewegen wir uns gemeinsam gegen Einsamkeit und für ein ganzheitliches Wohlbefinden!

Hier geht’s zur Positionierung der dsj „Das Leben mit Sport ist bunt“

Kiki Hasenpusch
Vorstandsmitglied der Deutschen Sportjugend

Quelle: DOSB-Presse, Ausgabe 20/2021



Kiki Hasenpusch, Foto: dsj

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