Weiter in Prävention investieren

18.08.2017

Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierter Gewalt

Die Studie „Safe Sport“, ein Forschungsprojekt zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierter Gewalt im organisierten Sport in Deutschland, verbindet Theorie (wissenschaftliche Forschung) und Praxis (Implementierung von Prävention). Im Rahmen dieses Projektes wurde nun das Thema auch in den Sportentwicklungsbericht aufgenommen.  Bettina Rulofs (Verbundleiterin »Safe Sport« an der Deutschen Sporthochschule Köln) und Jan Holze (Vorsitzender der Deutschen Sportjugend, dsj und Mitglied des Präsidiums im Deutschen Olympischen Sportbund) beantworten dazu die wichtigsten Fragen.

Das Thema  „Prävention von und Intervention bei sexualisierter Gewalt im Sportverein“ wurde erstmals in den Sportentwicklungsbericht 2015/2016 aufgenommen. Wie relevant ist das Thema für Vereine?

Bettina Rulofs: Wir haben herausgefunden, dass etwa die Hälfte der Sportvereine in Deutschland das Thema als relevant einschätzt. Rund die Hälfte der 90.000 Sportvereine unter dem Dach des DOSB sind also für das Thema sensibilisiert. Da es ein Anliegen des organisierten Sports ist, ein gutes und sicheres Kinder- und Jugendsportangebot zu initiieren, geht es nun darum, das Thema noch an die andere Hälfte der Vereine zu vermitteln.
  
Was können Sie tun, um diese andere Hälfte auch noch zu erreichen?

Jan Holze: Dass wir mit wenigen Mitteln bereits die Hälfte der – ganz oft ehrenamtlich geführten – Vereine erreicht haben, stimmt uns zunächst positiv. Wir, und das heißt Politik, Sport und Gesellschaft müssen aber weiter in Prävention investieren und die Menschen in den Vereinen sensibilisieren. Wir müssen bedenken, dass es eine hohe Hürde ist, sich vorzustellen, dass es im eigenen Verein zu einem Missbrauchsfall kommen könnte. Diese Hürde zu überwinden und den Vereinen zu vermitteln, dass die Beschäftigung mit dem Thema notwendig ist und mögliche Fälle verhindern hilft, ist eine unserer wichtigsten Aufgaben. 

Welche Sportvereine sind besonders aktiv in der Präventionsarbeit?

Bettina Rulofs: Wir haben ermittelt, dass das Thema eher für größere Vereine relevant ist und dass auch Vereine mit Kadersportler/-innen weiter vorne stehen in der Prävention. Wir vermuten, dass in diesen Vereinen die Strukturen insgesamt eher professionell sind. Dass sich jene Sportvereine stärker mit der Prävention von sexualisierter Gewalt beschäftigen, die sich als Träger der freien Kinder- und Jugendhilfe verstehen, hat uns nicht überrascht. Als weiterer Punkt hat sich herausgestellt, dass Vereine mit mindestens einer Frau im Vorstand das Thema intensiver bearbeiten als Vereine mit reinen Männer-Vorständen.

Was heißt das für die Zukunft?

Jan Holze: Es heißt zum Beispiel, dass besonders kleinere Vereine, die weitgehend von ehrenamtlichen Mitarbeitern geführt und betrieben werden, vor Ort noch stärker unterstützt werden müssen. Dass sich die Vorstände stärker mit dem Thema beschäftigen, wenn  Frauen im Vorstand sind, finden wir auch spannend. Es zeigt, wie wichtig die Arbeit im Thema Gleichstellung im DOSB ist – dort hat der Sport nämlich immer noch Nachholbedarf. Ebenso nehmen wir ins Blickfeld, dass die Jugendarbeit im Sport mit Kinder- und Jugendberatungsstellen in der Region noch besser vernetzt werden sollte. Diese enge Vernetzung kann viel dazu beitragen, dass Sportvereine ein guter Ort für Kinder und Jugendliche sind.

Was passiert in den Vereinen, wenn es einen Fall gibt?  

Bettina Rulofs: Am häufigsten setzen die Vereine dann die Empfehlungen der dsj um und wenden sich an externe Partner, um eine professionelle Unterstützung zu bekommen, das finden wir sehr positiv. Umso wichtiger ist aber ein gut ausgebautes regionales Netzwerk für den Kinderschutz. Gerade in ländlichen Regionen ist der Weg zu den Hilfen manchmal weit und es fehlen oft spezialisierte Fachberatungsstellen.

Welche Konsequenzen zieht die dsj aus den Ergebnissen für ihre Präventionsaktivitäten?

Jan Holze: Dass wir auf dem richtigen Weg sind, der aber keinesfalls zu Ende ist. Wir müssen ihn weitergehen und weiter optimieren. Wir werden also sicher unsere Empfehlungen nochmal genau überprüfen, ob sie alle zu 100 Prozent praxistauglich sind. Mit der Studie »Safe Sport« ist aus unserer Sicht ein sehr guter Anfang gemacht. Aber wir brauchen definitiv noch weitere begleitende Forschung, um genau herauszufinden, was Sportvereine wirklich benötigen, um gute und erfolgversprechende Präventionsarbeit machen zu können.

(Interview: DOSB)
 Weitere Infos gibt es hier



Dr. Bettina Rulofs und Jan Holze beim 7. Forum gegen sexualisierte Gewalt im Sport 2016 in Leipzig

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