Wir brauchen ein bewegungsfreundlicheres Land! 

02.11.2020

4. Kinder- und Jugendsportbericht mit den Schwerpunkten „Gesundheit, Leistung und Gesellschaft“ veröffentlicht 

Trotz hohem Organisationsgrad von Kindern und Jugendlichen in Sportvereinen, eher geringes Maß an Alltagsbewegung  

Immer noch erfreulich ist die Tatsache, dass nahezu 80 % der 7-14-jährigen Jungen und etwa über 60 % der Mädchen Mitglied in Sportvereinen sind. Das ist im internationalen Vergleich ein herausragender Organisationsgrad. Die Deutsche Sportjugend setzt sich zusammen mit ihren Mitgliedsorganisationen und Untergliederungen dafür ein, dass allen Kindern und Jugendlichen flächendeckend vielfältige Angebote in Sportvereinen offenstehen.    

Das traurige, aber nicht überraschende Bild, das auch der kürzlich veröffentlichte 4. Kinder- und Jugendsportbericht aufgreift, zeigt, dass 80 % der Kinder und Jugendlichen die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlene Bewegung von mindestens 60 Minuten täglich nicht erreichen. Gerade Kinder und Jugendliche – insbesondere Mädchen – aus sozial schwachen Familien sind besonders betroffen. Ziel muss es sein, dieser dramatischen Entwicklung entgegenzuwirken. Seit Jahren fordert und fördert die Deutsche Sportjugend mehr Bewegung von Kindern und Jugendlichen nicht nur in Sportvereinen, sondern auch im Alltag, in Schulen und in der Kita, in Betreuungsangeboten und in der Freizeit. Doch das allein reicht nicht. In allen Lebenswelten der Kinder und Jugendlich muss es zahlreiche niedrigschwellige Bewegungsangebote müssen geben. Die Zahlen belegen deutlich, wie massiv der Aktivitätsgrad von Kindern sinkt, sobald sie ihre ersten Schritte in Einrichtungen wie Kita und Schule gehen. Bereits mit dem Eintritt in die Kita reduziert sich der Umfang der körperlichen Aktivität; bei Eintritt in die Schule reduziert sich das Aktivitätsniveau noch einmal um 25 bis 30 %.   

Es bedarf eines Bewegungspaktes mit wichtigen Bündnispartner*innen, die tatsächlich aktiv werden und sich an Entscheider*innen in der Politik wenden. In diesem Sinne ist evtl. auch die finale, aus den Ergebnissen des 4. Kinder- und Jugendsportbericht gezogene Konsequenz zu verstehen: ein Vernetzungsgremium für eine verbesserte (Sport-)Praxis zu gründen.  

Partner*innen aus Politik, Sport und Gesellschaft vernetzen, um den Kinder- und Jugendsport zu stärken  

Ein stärkerer Austausch von Akteur*innen im Kinder- und Jugendsport wäre ein gutes und wichtiges Signal. Ein solcher Bewegungspakt zur Vernetzung mit den Akteur*innen auf verschiedenen Ebenen des Bildungs-, Gesundheits-, Sport- oder Wissenschaftssystems böte die Chance, in einen engen Austausch zu treten und die Umsetzungswahrscheinlichkeit im Sinne eines gesteigerten Gemeinwohlbeitrags des Kinder- und Jugendsports in Deutschland erhöhen. Die Autor*innen des Kinder- und Jugendsportberichtes gehen mit ihrer Empfehlung in die gleiche Richtung und schlagen vor, ein Gremium mit Fachvertreter*innen und Entscheider*innen aus der Sportministerkonferenz (SMK), der Kommission Sport der Kultusministerkonferenz (KMK), Sportjugenden bzw. -bünden (LSB) sowie Sportwissenschaft zu bilden.   

Kinder und Jugendliche in Bewegung bringen und gesundes Aufwachsen ermöglichen, dabei unterstützende digitale Medien und Tools einbinden  

Bewegung, Spiel und Sport müssen zum Alltag von Kindern und Jugendlichen gehören, wobei kind- und jugendgerechte Methoden, aber sicherlich auch digitale Apps und Tools bei der Förderung hilfreich sein können. Alltagsbewegung muss als Querschnittsaufgabe in unterschiedlichen Politikfeldern wie der Gesundheits-, Sport-, Stadtentwicklungs-, Verkehrs- und Bildungspolitik verstanden und umgesetzt werden, um die Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen bewegungsförderlich zu gestalten. So sei laut Kinder- und Jugendsportbericht die Digitalisierung im Sport als Chance zu begreifen. Diese Haltung unterstützt die Deutsche Sportjugend ausdrücklich, insbesondere seit 2019. Gerade die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass digitale Angebote und Apps zur Bewegungsförderung genutzt werden können, sofern sie mit sinnvollen pädagogischen Konzepten unterlegt sind. Sie entwickelt aktuell ein entsprechendes Positionspapier.  

Die Deutsche Sportjugend unterstützt darüber hinaus einen ganzheitlichen Ansatz von Bewegungsförderung auch im Rahmen des gesunden Aufwachsens seit vielen Jahren. Dies wird im Kinder- und Jugendsportbericht unter den Begriff Physical Literacy gestellt und neu zur Diskussion gestellt. Neben Erkenntnissen über die Auswirkungen auf das lebenslange Sporttreiben wären zusätzliches Wissen über Wirkungsmechanismen von ganzheitlich angelegten Sport- und Bewegungsprogrammen hilfreich, um Kinder und Jugendliche über das Medium Sport noch gezielter in ihrer Entwicklung unterstützen zu können.  

Die mindestens zwei Perspektiven auf die Leitungsorientierung in Sport, Schule und Alltag  

Der Kinder- und Jugendsportbericht beschreibt, dass in den letzten fünf Jahren ein Rückgang der Leistungsorientierung sowohl im Schulsport als auch im Sportverein zu verzeichnen sei. Auch in der aktuellen SINUS-Studie 2020 „Wie ticken Jugendliche?“ geben junge Menschen an, dass sie zwar immer noch gerne Sport im Verein treiben, manche der Leistungsdruck aber stört. Parallelen dazu finden sich auch in der Stakeholder-Befragung im aktuellen Sportentwicklungsbericht 2017/2018 (Auswertung dazu erscheint im nächsten dsj-Newsletter). Dort setzen die befragten Trainer*innen von Kindern und Jugendlichen die Leistung der Sportler*innen nicht als prioritäres Ziel ihres Trainings, sondern die Vermittlung von Spaß und der Freude am Sport sowie die Entwicklung der Persönlichkeit von Sportler*innen. Das Interesse von Kindern und Jugendlichen an einem leistungsorientierten Sport ist allerdings nicht unbedingt weniger geworden (s. auch Sinus-Studie 2020).  Denn Wettbewerb, das sich Messen mit anderen oder seine eigenen Grenzen ausloten ist weiterhin für viele Kinder und Jugendliche hoch attraktiv.  

  

Die Deutsche Sportjugend begrüßt die Entwicklung auf der einen Seite, da die Freude am Sport dazu beiträgt, dass Kinder und Jugendliche länger in Bewegung und damit auch im Sportverein aktiv bleiben. Die Überforderung von jungen Menschen ist ein häufiger Grund für einen Abbruch des Sporttreibens.   

Andererseits dürfen Gesellschaft, Trainer*innen, Lehrer*innen und auch Eltern nicht vergessen, dass „Leistung“ ein essenzieller Wert ist, der Persönlichkeiten ausmacht, den es weiterhin gilt, aufrecht zu erhalten und positiv zu bewerten. Die Deutsche Sportjugend fordert, den Leistungsbegriff in der Öffentlichkeit neu zu diskutieren. Leistung zu zeigen, sich engagiert für etwas einzusetzen und mit Begeisterung, einer gewissen Resilienz und dem eigenen Willen, Hürden zu überwinden, machen einen positiven Leistungsbegriff aus. Leistung zu zeigen und zu erfahren ist für viele Kinder und Jugendliche mit Spaß und Freude verbunden und stehen nicht in einem Gegensatz. Überforderung, Verletzungen, ungesunde Erschöpfung sowie psychische oder physische Folgeschäden sind davon abzugrenzen und als Risikofaktoren zu beleuchten. Zentral ist es, Leistungsbereitschaft zu fördern und dabei das Kindeswohl immer im Blick zu haben. Ein wichtiger Baustein ist dabei, die Trainingsqualität sicherzustellen.   

Kinder- und Jugendsport leistet einen Beitrag zu gelebter Wertevermittlung  

Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im Sportverein ist gelebte Wertevermittlung. Hier lernen Kinder die Anerkennung von Regeln, Teamplay, den Umgang mit Sieg und Niederlage, Fairness und soziales Miteinander. Trainer*innen spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie sind es, die ein gesundes Aufwachsen ermöglichen, Leistung positiv besetzen und als Vorbilder fungieren können. Die Deutsche Sportjugend engagiert sich explizit seit 2015 im Felder der Arbeit von Trainer*innen und der pädagogischen Trainingsqualität im organisierten Kinder- und Jugendsport, u. a. im Projekt „TrainerInSportdeutschland“ und fordert eine breite Anerkennung dieser wesentlichen Schlüsselpersonen für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen im Sport. Dazu ist es notwendig, dass Fragen der pädagogischen Trainingsqualität weiterhin intensiv debattiert und beforscht werden.  



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