Wo beginnt digitales Engagement von jungen Menschen?

20.05.2020

Für die Autor*innen des 3. Engagementberichts der Bundesregierung schon beim Liken und Teilen

Bei Aktivitäten junger Menschen im Netz ist bei den rund 1000 für den aktuellen Engagementbericht  der Bundesregierung befragten 14 bis 27-Jährigen das Weiterleiten von allgemeinen Beiträgen die beliebteste Aktivität (von 62 Prozent mindestens mehrmals pro Monat ausgeübt), gefolgt von allgemeinen Meinungsäußerungen im Internet und den sozialen Medien (52,7 Prozent) sowie dem Teilen von Inhalten auf dem eigenen Profil (49,7 Prozent).  Auch bei explizit politischen oder gesellschaftlichen Inhalten rangiert das Weiterleiten von interessanten Beiträgen an erster Stelle (37,8 Prozent). Der Bericht der Bundesregierung bringt diese Online-Aktivitäten mit Engagement in Verbindung, denn die positive Selbstwahrnehmung des eigenen Wissens und der eigenen Kompetenzen, wenn es um gesellschaftliche Zusammenhänge, Themen und Einflussmöglichkeiten geht, sei nicht nur eine wichtige Grundlage für politische Beteiligung sondern auch für gesellschaftliches Engagement. Dies wäre die Antwort des Engagementberichts auf die Frage, wo digitales Engagement von jungen Menschen stattfindet, nämlich bei sehr kleinteiligen Klick-Aktivitäten im Netz. Sie seien eine „voraussetzungsarme Form des Engagements, wenn damit etwa ein politisches Anliegen vertreten wird”.“ 

Dabei sehen die Jugendlichen in der Selbsteinschätzung bei der Beteiligung am politischen Diskurs im Netz und im Ausüben entsprechender kommunikativer Online-Aktivitäten noch nicht mal zwangsläufig den Status eines Engagements. Auch vor diesem Hintergrund erscheint die Auslegung zu digitalem Engagement durch „Liken“ doch recht konstruiert. 

Der Mitte Mai veröffentlichte 3. Engagementbericht der Bundesregierung bringt insgesamt wenig neue Erkenntnisse. Der Bereich „Sport und Bewegung“ bleibt größter genannter Engagementsektor. Der Schwerpunkt wurde diesmal auf Junges Engagement und Digitalisierung gelegt und trägt, gedacht als Bestandsaufnahme zur Entwicklung des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland, den Titel „Zukunft Zivilgesellschaft: Junges Engagement im digitalen Zeitalter“. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich gesellschaftliche Teilhabe und freiwilliges Engagement durch die Digitalisierung verändern und welche Folgerungen sich daraus für die Engagementpolitik ergeben. Untersucht wurde, wie sich junge Menschen zwischen 14 und 27 Jahren auch digital freiwillig einbringen.  

Digitales Engagement ergänzt bestehende Formen des Engagements, ersetzt dieses aber nicht 
Der Bericht beschreibt den Unterschied zwischen Online-Aktivität als alleinige Tätigkeit des Engagements zum einen und der Nutzung digitaler Tools für Engagement in Gruppen, Vereinen oder anderen Organisation zum anderen. Jede*r Fünfte (21,9 Prozent) der rund 1000 Befragten ist in online organisierten Gruppen aktiv. 64,2 Prozent sind in Organisationen engagiert und nutzen Online-Aktivität oder digitale Tool in Ergänzung. Im Kontext der Digitalisierung sei eine zunehmende Vielfalt der Aktivitäten im Engagement sowie eine wachsende Bandbreite im Einsatz digitaler Werkzeuge zu beobachten. 

Jan Holze, 1. Vorsitzender der Deutschen Sportjugend sagt: „Der Engagementbericht bestätigt uns darin, dass sich junge Leute überwiegend in Organisationen engagieren und dabei vermehrt auch digitale Tools nutzen. Das können wir bei der Deutschen Sportjugend schon seit längerer Zeit feststellen. Durch das Angebot vieler verschiedener digitaler Formate gelingt es uns, junge Leute vermehrt einzubinden und für das Engagement zu begeistern. Für uns geht Engagement allerdings weit über das bloße „Liken“ oder Teilen von Inhalten hinaus. Den im Bericht verwendeten Engagementbegriff würde ich daher gerne weiter diskutieren.“ 

Kinder- und Jugendarbeit im Sport ist Aktivität "auf dem Platz” plus digitale Tools 
Für Jugendorganisationen, die sich intensiv mit Digitalisierung und Engagementförderung im Sport beschäftigen, ist es zur Gewohnheit geworden, digitale Tools zu nutzen. Junge Engagierte können gerade in Sportverbänden und -vereinen wichtige Impulsgeber*innen in der Digitalisierung sein. Dieses Potenzial bei jungen Engagierten für die Verbands-/Vereinsarbeit wahrzunehmen und sie darin und in ihrem freiwilligen Engagement zu fördern, ist Kernaufgabe der Deutschen Sportjugend. Es werden z.B. virtuelle Juniorteam-Treffen oder themenspezifische Webinare zu Themen, die für junge Menschen in den Sportjugenden wichtig sind, mit großen Gruppen genutzt, um den Fachaustausch über das eigene Engagement im Verein oder Verbände zu reflektieren und weiterzuentwickeln. 

Die so zahlreich in den letzten Wochen geschaffenen digitalen Bewegungsangebote aus den Verbänden und Vereinen von jungen Engagierten, die auch nicht nur für Vereinsmitglieder gedacht sind, sondern solidarisch von und für junge Menschen allgemein angeboten werden, begeistern viele. Online-Kommunikation wird hier für eine Bewegungsförderung und als Trainingsangebot eingesetzt. Weitere Aktionen im Feld wie die virtuelle Juniorteam-Challenge, die Quaralympics der Sportjugend Hessen, die Kampagne #Bewegungsstrasse und vieles mehr zeigen die Vielfalt der Möglichkeiten und die Tatkraft und Bedeutung jungen Engagements. 

Luca Wernert, dsj-Vorstandsmitglied, zeigte sich bereits beim virtuellen Juniorteam-Treffen im April 2020 begeistert: „Gerade in der aktuellen Situation im Zusammenhang mit der Coronakrise wird deutlich, welchen Mehrwert die Digitalisierung auch für das freiwillige Engagement und Ehrenamt hat. Junge Engagierte sind in vielen Fällen Impulsgeber*innen für ihre Verbände und Vereine und setzen Trends für die Arbeit während dieser gesellschaftlichen Ausnahmesituation.“  

Digitalisierung der Freiwilligendienste im Sport über unterstützende Tools 
Die Digitalisierung der Freiwilligendienste im Sport über unterstützende Tools zeigt sich an vielen Stellen, insbesondere  

  • in der Vermittlung interessierter junger Menschen mithilfe von Bewerbungsplattformen, die sowohl die Engagierten als auch die Sportvereine unterstützen; 
  • in der Entwicklung von Apps, die niedrigschwellig Informationen vermitteln, die Kontaktaufnahme zu den pädagogischen Akteur*innen der Träger*innen erleichtern und Zugang zu Materialien wie Spielesammlungen ermöglichen, die den Vereinsalltag beleben; 
  • in Webinaren, die neue Einsatzstellen über zentrale Themenfelder in den Freiwilligendiensten informieren; 
  • in der Durchführung digitaler Bildungsangebote, die insbesondere zu Corona-Zeiten an die Stelle der Präsenzseminare treten und sowohl Inhalte vermitteln, den Erwerb verschiedener Kompetenzen unterstützen als auch soziale Interaktion ermöglichen.   

Letzteres geht natürlich über den Bereich der Freiwilligendienste hinaus.  

Auch wenn ein Großteil der Aktivitäten weiterhin "auf dem Platz” stattfindet und die Betreuung von Kinder- und Jugendgruppen in Schulen und Sporthallten zum Mittelpunkt hat, steigt doch das digitale Engagement der Freiwilligendienstleistenden in verschiedenen Bereichen. So z.B. 

  • beim Aktionstag #freiefahrtfürfreiwillige setzen sich am Tag des Ehrenamts (5. Dezember) tausende Freiwilligendienstleistende auf vielfältigen Kanälen der sozialen Medien dafür ein, Freiwilligen einen vergünstigten Zugang zum öffentlichen Nahverkehr zu ermöglichen; 
  • im Rahmen des Participatory Mapping erarbeiten Freiwilligendienstleistende aus dem gesamten Bundesgebiet gemeinsam eine Karte nach dem Vorbild von Wheelmaps: Die Aktion fürfreiwillige.de sammelt Einrichtungen, Geschäfte und Institutionen, die Vergünstigen für Freiwilligendienstleistende anbieten und damit ihre Anerkennung zeigen; 
  • durch das “FSJ digital”, erwachsen aus einem Modellprojekt des Bundes, das auch in den Freiwilligendiensten im Sport einen Focus auf digitale Aktivitäten erlaubt, etwa rund um die Verjüngung der SocialMedia-Kanäle der Sportverbände oder der Neuausrichtung der Internetauftritte von Sportvereinen. 

Das im Bericht beschriebene Neben- und Miteinander digitaler und nicht-digitaler Engagementformen ist hier Praxis. Diese Kombination kann neue Möglichkeiten schaffen und Verbesserung bringen, z.B. mit Blick auf Nachhaltigkeit und Umweltschutz, eventueller Kostensenkung, größerer Reichweite oder Niedrigschwelligkeit eines Angebotes.  

Je ehrenamtlicher desto weniger digitalisiert?  
Der Bericht kategorisiert den „organisierten Engagementsektor“, zu dem sicherlich Sportvereine und -verbände gehören, in Hinblick auf deren Haltung und Fortschritte in der Digitalisierung wie folgt:  

  1. die aktiv Vordenkenden,  
  2. die tatkräftig Vermittelnden,  
  3. die ressourcenstark Gestaltenden,  
  4. die pragmatisch Nutzenden  
  5. die zurückhaltend Skeptischen 

und verknüpft Zuordnung stark mit hauptamtlich Tätigen in der Organisation.  

Die Umfrage dazu richtete sich, anders als bei den Fragen zum Engagement, an die Organisationen selbst und nicht an die jungen Engagierten dort. Fraglich ist, ob dies nicht insgesamt ein verzerrtes Bild ergibt. Nichtsdestotrotz kann die Kategorisierung für den gemeinnützigen, organisierten Kinder- und Jugendsport sicherlich angewendet werden. Eine große Vielfalt gibt es sehr wohl, aber die lineare Abhängigkeit von ehrenamtlichem Engagement und Digitalisierungsgrad ist zu bezweifeln. Gerade die jungen Engagierten mit digitalem Know-how sind doch diejenigen, die ehrenamtlich eingebunden sind und weniger hauptamtlich angestellt agieren.  

Weitere Aussagen des Engagementberichts 
Als Hauptforderung nennt der Bericht schließlich die systematische Strukturförderung für die Digitalisierung des Engagementsektors. Als Maßnahmen werden finanzielle und fachliche Unterstützungsleistungen gefordert, um bei der Entwicklung von Vernetzungsformaten von engagierten Jugendlichen mit digitalem Know-how und dem organisierten Engagementbereich zu helfen. Digitale Bildungs- und Qualifizierungsangebote wären ein Teil davon. Es wird von den Autor*innen außerdem der Aufbau neuer Kompetenzzentren sowie die Entwicklung nationaler Koordinationsstrukturen für notwendig erachtet.  

Der Engagementbericht bestätigt außerdem wieder bildungsbezogene Ungleichheiten beim Engagement. In der Konsequenz müssen daher digitale Angebote und Maßnahmen der Engagementförderung jugendgerecht, niedrigschwellig und für alle nutzbar, d.h. barrierefrei und technisch von überallher erreichbar sein.  

Kurzfassung „Dritter Engagementbericht Zukunft Zivilgesellschaft: Junges Engagement im digitalen Zeitalter Zentrale Ergebnisse“



Foto: Adobe/REDPIXEL

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