Strategien gegen Rassismus und Diskriminierung im Sport

Stellungnahme dsj zur Sitzung des Sportausschusses des Deutschen Bundestages am 21. September 2022

Die dsj engagiert sich gegen Diskriminierung und Rassismus. In einer Stellungnahme anlässlich der Befassung im Sportausschusses des Deutschen Bundestages hat sie ihre Aktivitäten ausgeführt und weitere Handlungsbedarfe skizziert: Rassismus und Diskriminierung im Sport verstehen und entgegenwirken, Demokratiestärkung und Politische Bildung im Sport ausbauen, Förderprogramme ausbauen und Zivilgesellschaft vernetzen. Zur Gestaltung  des Bundesprogramms gegen Rechtsextremismus und Menschenfeindlichkeit im Sport empfiehlt sie die enge Verzahnung mit bestehenden Programmen.

 

Rassistische, demokratie- und menschenfeindliche Handlungen und Einstellungen finden sich in allen Teilen der Gesellschaft, in Institutionen und Parlamenten in der Bundesrepublik Deutschland. Auch im Sport kommt es zuweilen zu Ausgrenzungen, zu rassistischen Handlungen und Haltungen oder zu Gewalt. Rechtsextremismus und Phänomene gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit im und durch Sport wurden als Problem bereits seit vielen Jahren erkannt und diesem von Sport und Politik, im Rahmen ihrer unterschiedlichen Möglichkeiten und Kontexte, versucht entschieden entgegenzutreten. Viele Sportverbände und -vereine setzen entsprechende Maßnahmen und Projekte zum Umgang mit rechtsextremen, rassistischen, demokratie- und menschenfeindlichen Vorfällen um. So werden beispielsweise Demokratieberater* innen für die Umsetzung von Aktivitäten zur Förderung demokratischer Teilhabe in Sportvereinen und Organisationen ausgebildet, Aktivitäten der Erinnerungsarbeit mit jungen Menschen umgesetzt oder Turniere gegen Rassismus organisiert.

Gleichzeitig bietet sich der Sozialraum Sport für die Lösung von Herausforderungen an, die gesamtgesellschaftlich zu verorten sind. Der gemeinnützig organisierte Sport ist in hohem Maße demokratiefähig und fördert das gute Zusammenleben in der demokratischen Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland. Die demokratiebildenden Potenziale von Sportvereinen sind im 16. Kinder- und Jugendbericht1 herausgestellt worden. Bestehende Programme, Projekte und Initiativen fördern die gleichberechtigte Teilhabe(-chancen), demokratische Strukturen und Handlungsweisen im organisierten Sport.
Insgesamt ist zu beachten, dass die unterschiedlichen Facetten des Sports allgemein (nicht-organisiert, frei, organisiert, Breiten- und Leistungssport, Fankulturen etc.) sowohl unterschiedliche Problemlagen als auch individuelle Bedarfe aufweisen.

Strategien gegen Rassismus und Diskriminierung – Engagement der Deutschen Sportjugend (dsj)

Die Deutsche Sportjugend (dsj) im DOSB e.V. (dsj) besitzt durch ihr langjähriges Engagement eine ausgewiesene Expertise in den Themenbereichen Demokratiestärkung und Antidiskriminierung sowie Antirassismusarbeit und Bekämpfung von Rechtsextremis-mus im Sport. Die dsj setzt mit ihrer Arbeit Impulse innerhalb und außerhalb des organisierten Sports und arbeitet hierbei eng mit anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen und Expert*innen im Themenfeld zusammen. Mit dem Anliegen, stets eine klare Haltung zu haben, diese zu vertreten und das Bekenntnis gegen Rassismus, Diskriminierung, Antisemitismus und Rechtsextremismus mit Leben zu füllen, steht die Unterstützung der Mitgliedsorganisationen der dsj im Mittelpunkt. Zu ihrer Strategie gegen Rassismus und Diskriminierung gehören eine starke Vernetzung im und über den Sport hinaus (insbesondere im Rahmen des Bundesprogramms „Zusammenhalt durch Teilhabe“), die Beratung und Begleitung der Sportstrukturen, die Bearbeitung des Themenfeldes in der gesamten Breite (von Engagementförderung über Rechtsextremismus-/Rassismus-Prävention bis zu Erinnerungsarbeit), die Wissensvermittlung sowie die Stärkung der Demokratiebildung vor Ort.

In ihrem Handlungsfeld „Sport mit Courage – Wahrnehmung von gesellschaftlicher Verantwortung“ ist die dsj aktiv
• als Netzwerk- und Koordinierungsstelle für den Sport im BMI-Bundesprogramm „Zusammenhalt durch Teilhabe“ und hier der Betreuung von zwölf Z:T-Sportprojekten,
• im bpb-Modellprojekt „Demokratieförderung im Sport“ (befristet bis 12/22), in dem Arbeitsmaterialien erstellt werden, darunter beispielsweise das geplante Themendossier “Rassismus im Sport”,
• als Kooperationspartnerin im BMFSFJ-geförderten Demokratie leben!-Projekt „Vollkontakt - Demokratie und Kampfsport“,
• im Netzwerk „Sport & Politik für Fairness, Respekt und Menschenwürde“, dessen Geschäftsstelle bei der dsj angesiedelt und über das BMI-Bundesprogramm „Zusammenhalt durch Teilhabe“ gefördert ist,
• in weiteren bundesweit tätigen Netzwerken, wie Netz gegen Rassismus, Forum gegen Rassismus und Netzwerk interkultureller Jugendverbandsarbeit und Forschung (NiJaF),
• im Vorstand des Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit (IDA e.V.), das sie mitgegründet hat,
• und sie wirkt seit mehr als 15 Jahren finanziell und fachlich an den „Internationalen Wochen gegen Rassismus“ (IWgR) mit.

Die dsj positioniert sich gemeinsam mit dem DOSB gegen antidemokratische und menschenverachtende Haltungen und Handlungen und beteiligt sich an gesellschaftlichen und politischen Meinungsbildungsprozessen (ausgewählte Beispiele):
• Positionierung „Klare Haltung für eine offene, vielfältige und demokratische Gesellschaft“,
• Positionierung „Für gesellschaftlichen Zusammenhalt und Demokratie - auch und gerade in der Pandemie!“,
Stellungnahme zu Regelungsinhalten eines Demokratiefördergesetzes.

Als eigenständige Einheit ist außerdem die Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) seit Gründung im Jahr 1993 beim Träger dsj angesiedelt und wird von Deutschem Fußball-Bund (DFB), Deutscher Fußball Liga (DFL) und dem BMFSFJ gefördert. Sie ist anerkannte Schnittstelle zwischen professioneller pädagogischer Fanarbeit, Fankultur, Sozialwissenschaft sowie gesellschafts- und sportpolitischen Institutionen.
Weitere Initiativen und Projekte von Landessportbünden, Spitzenverbänden oder Sportverbänden mit besonderen Aufgaben bzw. ihren Jugendorganisationen oder gar von Sportvereinen können hier in ihrer Vielzahl nicht einzeln aufgeführt werden, zumal eine Gesamtübersicht nicht existiert.

Handlungsbedarf gegen Rassismus und Diskriminierung im Sport

Handlungsbedarf gegen Rassismus und Diskriminierung im Sport
Trotz des bereits bestehenden Engagements gegen Rechtsextremismus, Diskriminierung und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit im organisierten Sport mit Unterstützung durch verschiedene (Bundes-)Programme ist bekannt, dass bestimmte Themenfelder, Zielgruppen, spezielle Problemlagen im Sport und Schnittstellen einer noch stärkeren Bearbeitung und Unterstützung bedürfen. Die dsj sieht weiteren Handlungsbedarf in den nachfolgend genannten Punkte und steht für den Austausch dazu zur Verfügung.

Rassismus und Diskriminierung im Sport verstehen und entgegenwirken
Die Forschungslücke im Bereich „Rassismus und Diskriminierung im Sport“ muss dringend geschlossen werden, um die wirksame Bearbeitung zukünftig sicher zu stellen.
Insbesondere sind eine Bestandsanalyse zu Rassismus im Sport sowie die Entwicklung und Durchführung von Maßnahmen der Antirassismusarbeit im organisierten Sport dringend notwendig. Ein Förderantrag der dsj in Kooperation mit dem DOSB für ein 3jähriges Antirassismus-Projekt liegt aktuell bei einer zentralen Fachstelle der Bundesregierung zur Prüfung vor.
Auch in anderen Diskriminierungsbereichen (z.B. LGTBIQ*-Feindlichkeit) braucht es Präventionsstrategien, die auf Grundlage von Forschungsergebnissen erarbeitet und an den Bedarfen der Strukturen des organisierten Sportes ausgerichtet sind.

Demokratiestärkung und Politische Bildung im Sport ausbauen
Um Sportvereine und -verbände stärker im Umgang mit antidemokratischen, diskriminierenden und menschenfeindlichen Problemstellungen zu unterstützen, braucht die dsj eine konkrete und dauerhafte Absicherung dieser Aufgabe über eine Stabsstelle „Demokratiestärkung und politische Bildung im Sport“ auf Bundesebene. Handlungsbedarf in diesem Feld hatte auch der 16. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung attestiert.

Förderprogramme ausbauen und Zivilgesellschaft vernetzen
Sport in Deutschland existiert in unterschiedlichen Facetten (nicht-organisiert, frei, organisiert, Breiten- und Leistungssport, Fankulturen etc.). “All for one”-Lösungen sind deshalb nicht zielführend. Bestehende Förderprogramme gehen an diesen Realitäten teils vorbei und sollten leichter zugänglich und einfacher in der Antragsstellung und Abwicklung sein.
Sportvereine sind Teil der Zivilgesellschaft und somit auch Teil eines Sozialraumes mit allen dort gegebenen Chancen und Herausforderungen. Sie sind auch vorpolitischer Raum, in dem Demokratieerfahrung und -bildung ermöglicht wird. Um Rassismus und Diskriminierung entschieden entgegenzutreten und Antworten auf soziale Ungleichheiten und demokratiefeindliche Entwicklungen zu finden, braucht es den Ausbau von Förderprogrammen, die die Vernetzung zwischen den verschiedenen Akteur*innen, sowohl auf lokaler wie auch auf Regional-, Landes- und Bundesebene stärken. Die Schnittstellen zwischen dem Feld des organsierten und freien Sports, anderen (zivil-) gesellschaftlichen Initiativen und Professionen (Prävention, Soziale Arbeit, Politische Bildung) sind zu fokussieren.

Gestaltung des Bundesprogramms gegen Rechtsextremismus und Menschenfeindlichkeit im Sport
Die dsj begrüßt die Aktionspläne der Bundesregierung gegen Rechtsextremismus und für Akzeptanz und Schutz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Letzterer adressiert in seiner Entwurfsfassung auch den Sport und verweist auf das im Koalitionsvertrag hinterlegte Bundesprogramm gegen Rechtsextremismus und Menschenfeindlichkeit im Sport.
Die vielfältigen Bedarfe brauchen ebenso vielfältige Antworten. Sicher ist aber, dass nur eine strukturelle Bearbeitung statt kurzfristige, an Förderlogiken ausgerichtete Projekte zielführend sind. Die dsj begreift aus diesem Grund die Ankündigung der Bundesregierung, ein neues Bundesprogramm einzurichten, als große Chance. Zur Entwicklung des Programms braucht es enge Verzahnung mit bestehenden Programmen, Projekten und Angeboten und die enge Einbindung des organisierten Sports bei der Konzeption. Ein Zeitplan für die Einsetzung des Programms ist der dsj bislang nicht bekannt. Sie bittet deshalb die Bundestagsfraktionen, den Fachdiskurs mitzugestalten und sich für die baldmöglichste Einsetzung des Programms und eine Einbindung der unterschiedlichen Akteure im Sport einzubringen, um den o.g. Handlungsbedarfen gerecht werden zu können.
Die dsj bietet sich gemeinsam mit dem Netzwerk „Sport & Politik“ als Expertin für die Arbeit gegen „Rechtsextremismus und Menschenfeindlichkeit im Sport“ an.
 

 


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