Im Fachgespräch der Kinderkommission des Deutschen Bundestages am 22. April 2026 hat dsj-Vorstandsmitglied Julian Lagemann die Perspektive des organisierten Kinder- und Jugendsports eingebracht. Im Mittelpunkt stand die Frage, was die Generation nach der Pandemie braucht und warum Bewegung, Spiel und Sport zentrale Schutzfaktoren für psychische Gesundheit, Bildungschancen und soziale Teilhabe sind.
Aktuell widmet sich die Enquete-Kommission „Aufarbeitung der Corona-Pandemie und Lehren für zukünftige pandemische Ereignisse“ der Aufarbeitung der Belange von jungen Menschen. 150 Kinder und Jugendliche waren dafür im April 2026 im Bundestag eingeladen und berichteten über ihre Erfahrungen während der Covid-19-Pandemie.
Worum ging es im Fachgespräch am 22. April im Bundestag?
Auch in der 15. Sitzung der Kinderkommission unter Anwesenheit von Mitgliedern und Vorsitzenden der Enquete-Kommission stand die Corona-Aufarbeitung mit Fokus auf Kinder und Jugendliche im Zentrum, insbesondere die Folgen für Bildung, psychische Gesundheit und Teilhabe.
Die Deutsche Sportjugend (dsj) hat dazu eine Stellungnahme eingebracht, Handlungsempfehlung zum Ausbau niedrigschwelliger Sport- und Bewegungsangebote eingereicht und deutlich gemacht: Eine echte Aufarbeitung darf sich nicht nur auf die Schule beschränken, sondern muss die gesamte Lebensrealität junger Menschen einbeziehen – dazu zählen auch Sportvereine, Ganztag, Kommunen und Familie.
Warum Zugang zu Bewegung, Spiel und Sport politisch relevant ist
Die Pandemie hat den Zusammenhang zwischen Bewegungsmangel und negativen Folgen für körperliche und mentale Gesundheit drastisch sichtbar gemacht. Wo Bewegung, Spiel und Sport für Kinder und Jugendliche wegfielen, nahmen soziale Isolation, Einsamkeit und fehlende Begegnungsräume zu, mit Spuren in Bildungsbiografien, Wohlbefinden und Teilhabe. Die dsj betont zudem, dass das Gefühl, in Krisen nicht gehört zu werden, bei vielen jungen Menschen bis heute den Blick auf Politik und Staat prägt.
Aktuelle Befunde aus der Move for Health-Studie (2025) unterstreichen die Bedeutung. Aktive Jugendliche haben seltener (sehr) oft Sorgen als inaktive Gleichaltrige (31,5 % vs. 38,1 %). Regelmäßige Bewegung kann Stress abbauen, Selbstwirksamkeit stärken, depressive Symptome reduzieren sowie Schlaf und Konzentration verbessern.
Der Mehrwert des organisierten Sports wird dabei besonders deutlich: Sportvereinsmitgliedschaft und Bewegung, Spiel und Sport wirken als Schutzfaktoren. Jugendliche profitieren teils sogar stärker als Kinder.
Als Orte des Aufwachsens schaffen Sportvereine ganzheitliche, soziale, vielfältige, bezahlbare und flächendeckende Angebote, weshalb der organisierte (Kinder- und Jugend) Sport ein unverzichtbarer zentraler Bestandteil sozialer Infrastruktur ist.
Was braucht die Generation nach der Pandemie?
Die o. g. Handlungsempfehlungen liefern Antworten auf die Fragen danach, was die junge Generation in Bezug auf Bildung, psychische Gesundheit und Teilhabe nach der Pandemie braucht. Sie bündeln Ergebnisse verschiedener fachpolitischer Prozesse der letzten Jahre und benennen fünf zentrale Handlungsfelder:
- Bewegungsförderung in Kindertageseinrichtungen ausbauen
- Ausreichend Sport- und Bewegungsangebote in der Schule sichern
- Tägliche Bewegungs-, Spiel- und Sportangebote im Ganztag und in der Kita verankern
- Offene Sportarrangements für Kinder und Jugendliche ausbauen
- Bewegungsfreundliche Lebenswelten schaffen
Zugleich muss auf praktische Grenzen hingewiesen werden: In vielen Regionen gibt es Aufnahmestopps und Wartelisten in Sportvereinen unter anderem wegen fehlender Übungsleiter*innen und teils unzureichender Infrastruktur. Gerade deshalb braucht es politische Unterstützung, damit Teilhabe nicht an Kapazitäten scheitert.
Lehren für künftige Krisen: Bewegung sichern – Teilhabe ermöglichen – Engagement stärken
Für eine bessere Prävention und Krisenresilienz fordert die dsj, Kinder- und Jugendbedürfnisse systematisch im Sinne des Kindeswohls und in Bezug auf die UN-Kinderrechtskonvention mitzudenken. Konkret bedeutet das:
- Kinder- und Jugendperspektiven in Krisenstrategien mit transparenter Güterabwägung und klaren Öffnungsszenarien zu verankern.
- Bewegungs-, Spiel- und Begegnungsräume müssen krisenfest gesichert sein, damit sie so lange wie möglich offen und erreichbar bleiben.
- Niedrigschwellige Zugänge zu Sport und Bewegung sind grundsätzlich für alle zu gewährleisten.
- Bewegung, Spiel und Sport muss als Schutzfaktor für Gesundheit, Bildung und Teilhabe gestärkt werden, das gilt für Kita, Schule, Verein, Kommune und Familie.
- Junge Menschen müssen konsequent beteiligt werden, auch im Krisenfall.
- Kooperations- und Kommunikationsstrukturen zwischen Schule, Jugendhilfe, Sport, Gesundheitswesen und Kommune müssen systematisch vorbereitet sein.
- Ehrenamt und freiwilliges Engagement im Sport sind nachhaltig zu unterstützen, damit Angebote vor Ort dauerhaft verlässlich bleiben.
Die Corona-Aufarbeitung ist eine Chance, Lehren für die Zukunft zu ziehen und Kinder und Jugendliche konsequent mitzudenken. Wer mentale Gesundheit, Bildungserfolg und Teilhabe stärken will, muss Bewegung, Spiel und Sport politisch in allen Lebenswelten und gerade in Krisenzeiten berücksichtigen und absichern.