Mehr ZUSAMMENHALT möglich machen – Engagiert im Kinder- und Jugendsport

Ein Interview mit Behzad Borhani

Behzad Borhani ist als Kommunalpolitiker bei Bündnis 90/Die Grünen aktiv. Sein Engagement für die Menschen, die Umwelt, den Sport und die Kultur begann u. a. als Juniorteammitglied bei der Deutschen Sportjugend und der Sportjugend Hessen, deren langjähriges Vorstandsmitglied er war.
Nach zwanzig Jahren in verschiedensten Funktionen am Stadttheater Gießen ist Behzad seit diesem Jahr Lehrer an einer Gesamtschule in Gießen. Als Vorstandsmitglied „Vielfalt“ der Sportkreises Gießen entwickelt er gemeinsam mit Sport-Coaches im gesamten Landkreis Konzepte zur Integration von Geflüchteten und schafft Orte der Begegnung zwischen Beheimateten und Neuankömmlingen. Sportplätze und Turnhallen sind für ihn Orte der Begegnung und des Austausches und ein Zeichen funktionierenden Demokratie.   

Dieses Interview mit Behzad Borhani ist der zweite Teil einer Serie mit ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten und deren Engagement in den Kinder- und Jugendsportstrukturen. 
Das erste Interview hat Kerstin Holze über ihr Engagement im organisierten Sport gegeben. 

1. Du warst im dsj-Juniorteam engagiert, viele Jahre im Vorstand der Sportjugend Hessen und setzt dich auch in der Politik für den (Kinder- und Jugend-)Sport ein. Kannst du bitte etwas zu deinem Engagement im Kinder- und Jugendsport erzählen, wie es dazu kam, was deine Schwerpunkte sind und waren und wieso dir dieses Engagement so wichtig war und ist.  

Die Zeit im Juniorteam der dsj und der Sportjugend Hessen war eine wunderbare, prägende und sehr lehrreiche Zeit. Tiefe Freundschaften über den ganzen Globus sind in der Zeit entstanden, die bis heute bestehen. Wir haben uns damals nicht aus einem politischem Kalkül heraus engagiert. Der Spaß und die Freude an Bewegung haben uns immer wieder zusammen gebracht. Für mich war es damals ein super Einstieg. Ich musste mich nicht gleich für Jahre in ein Amt wählen lassen und konnte super niedrigschwellig einsteigen. Ich hatte viel Raum und Zeit mir die verschiedenen Teilbereiche anzuschauen. Woraus sich später eine Schwerpunktthemen Integration – Internationales und natürlich Sportpolitik herausgebildet haben. Unvergessen waren unsere teilweise stundenlangen Debatten zu Sport und Gesellschaft. So wie zum Beispiel zum Umgang mit demokratiefeindlichen / rechtsextremen Vorfällen im Sport und der damit einhergehenden Bestimmung, was eigentlich die „Neutralität des Sports“ für uns bedeutet. Ich bin sehr froh, dass wir die Diskussion geführt haben und gemeinsam eine Position entwickelt haben, die nicht nur die Juniorteams, sondern auch die dsj und die Sportjugend Hessen bis heute haben. Die Juniorteams waren ein Safe Space, ein Raum, wo wir ohne Pläne und Einmischung von außen unsere Ideen einbringen und umsetzen konnten. Das war wahnsinnig attraktiv. Ich glaube, ich habe mich in der Hoch-Zeit bis zu 20 Stunden die Woche mit den Juniorteams beschäftigt. Das war aber für mich gefühlt nie eine Form von Engagement, sondern Freizeit. So, als würde ich mich mit Freunden treffen, was ja auch so war.  

2.Warum sind aus deiner Sicht die Jugendorganisationen im Sport so wichtig? 

Jugend braucht Stimme. Am besten den Raum für die eigene. Politik, Verwaltung und Gesellschaft müssen m.E. den Rahmen schaffen, damit Kinder und Jugendliche ihre eigenen Interessen formulieren können und, dass diese auch gehört werden. Diese Forderung gilt nicht nur für den Sport, sondern ist Umsetzung der UN-Kinderrechte, zu denen sich die Bundesrepublik verpflichtet hat.  

Wir leben leider in einer Zeit, die geprägt ist davon einfachen Antworten hinterherzulaufen, so falsch sie auch sein mögen. Eine Zeit, in der wir sozial die meiste Zeit in Echokammern verbringen. Eine Zeit, in der die neuen Rattenfänger gerade in sogenannten Sozialen Netzwerken Hass und Hetze verbreiten. Die Antwort darauf können meines Erachtens nur resistente, resiliente und mündige Kinder und Jugendliche sein. Jugendorganisationen empowern junge Menschen sich früh in politische Teilhabeprozesse einzubringen und Verantwortung zu übernehmen. Und das, wie ich oben gesagt habe auf eine ganz niedrigschwellige Art und Weise. Hier finden alle Formen der Integration mit der Gesellschaft statt: kulturell, strukturell, sozial und vor allem emotional. Deshalb halte ich Jugendorganisationen für überlebenswichtig für unsere Demokratie. 

3.Du bist mittlerweile für BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN in der Politik aktiv und hast an die 20 Jahre am Stadttheater Gießen gearbeitet. Wie ist es für dich neben dem Sport auch diese Perspektiven aus Kultur und Politik zu haben? 

Sport und Kultur sind häufig Bestandteile von Sonntagsreden. Doch wenn es hart auf hart kommt auch die ersten Bereiche, auf die man verzichtet. Corona hat das sehr deutlich gemacht. Das liegt m.E. auch daran, dass es zu wenige Sport- und Kulturpolitiker*innen vor allem auf kommunaler Ebene gibt. Ich halte das für höchst gefährlich, denn die Realität ist, dass in schwierigen Haushaltslagen die sogenannten freiwilligen Leistungen — also Kultur und Sport — dran glauben werden müssen. Deshalb braucht es für Sport und Kultur eine starke Lobby: Nicht nur in Form von Dachorganisationen und Interessenverbänden, sondern vor allem auch aktive und auch junge Sport- und Kulturpolitiker*innen in den Gemeindevertretungen, den Stadtverordnetenversammlungen, Landtagen und im Bundestag! Es braucht sie, um bei Haushaltsverhandlungen und vor allem davor deutlich zu machen, dass Kultur und Sport kein nice-to-have sind, sondern Orte der Begegnung, Versuchskammern des gesellschaftlichen Zusammenlebens und vor allem Orte von Utopie, Reflektion, Projektion und natürlich auch Emotionen.  

4.Wie kannst du in deinen aktuellen Rolle auch die Jugendverbände im Sport stärken? 

Die Jugendverbände im Sport, allen voran die dsj und die Landessportjugenden machen einen großartigen Job. Auch von den Fachverbänden kommt eine Menge Input. Ich sehe mich als Relaisstation: jemand, der die Sportjugendverbandsarbeit kennt und auf der anderen Seite mittlerweile auch gut bundesweit parteipolitisch und regional auch darüber hinaus vernetzt ist. Hier versuche ich Inhalte von Positionspapieren, Forderungen und Diskussionsgrundlagen der Jugendverbände an die Entscheider*innen zu bringen, Austauschmöglichkeiten zu schaffen und Politik und Sport zusammen zu bringen. 

5.Welche Rolle spielt aus deiner Sicht der Sport sowie das Engagement und Ehrenamt im Sport dabei, den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft zu fördern? 

Es gibt sie immer weniger: Die Orte der Begegnung und des Austausches. Wir sind in vielen Bereichen unseres Lebens (fast) nur noch mit Gleichgesinnten unterwegs — digital, so wie im wahren Leben. Dadurch haben wir in vielerlei Hinsicht die Konfliktkompetenz verloren. Der Sport als Ort der Begegnung und des Austauschs ist noch einer der letzten Bastionen des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Insbesondere, wenn über das Engagement unterschiedliche Interessen und Sichtweisen über Kompromisse zu gemeinsamen Entschlüssen und Entscheidungen führen.  

6.Im Oktober findet auf der dsj-Vollversammlung eine Vorstandswahl statt – was willst du (potenziellen) Bewerber*innen für einen Posten im dsj-Vorstand auf den Weg geben? 

Erst einmal meinen größten Respekt: Damit wir eine Wahl haben, müssen sich Menschen zur Wahl stellen. Dabei stehen Sie mit ihrem Namen und Gesicht für etwas. Heutzutage reicht das leider schon, um in den sogenannten Sozialen Netzwerken Anfeindungen ausgesetzt zu sein. Mein Ratschlag: Nicht irritieren lassen. Die Lautesten repräsentieren nicht die Mehrheit. Jede und jeder, der*die sich für ein Ehrenamt aufstellen lässt genießt meinen vollen Respekt. Gerade in Zeiten wie diesen. Wir brauchen eine starke Stimme für den Sport, für die Jugend und die Sportjugend. Ich persönlich stehe voll hinter Euch und ich bin mir sicher, dass es viele der über 27 Millionen Menschen im Sport in Deutschland auch sind.  


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