Ein Kommentar von Benny Folkmann, Vorstandmitglied der dsj
Die erste Hälfte des Superwahljahres 2026 ist rum – unter anderem in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Bayern und Hessen wurden neue Landtage, Kommunalparlamente, Ministerpräsidenten, Bürgermeisterinnen und Bürgermeister und unzählige weitere Menschen in politische Funktionen gewählt. All diesen Menschen kann man gar nicht dankbar genug sein für ihr unglaubliches, häufig ehrenamtliches, Engagement, dass sie für die Menschen vor Ort an den Tag legen. Trotz aller Widrigkeiten – von Hass im Netz bis zu leeren Kassen in den Kommunen.
Die Wahlergebnisse der letzten Wochen bestätigen leider den Trend des Erfolges antidemokratischer Kräfte, insbesondere der in Teilen rechtsextremen AfD, die im Schnitt bei allen Wahlen zulegen konnte, vor allem im ländlichen Raum.
In einem aktuellen Strategiepapier „Verankerung in der Fläche – Die AfD erobert die Dörfer“ eines AfD-Bundestagsabgeordneten aus Rheinland-Pfalz ist quasi „eine Bedienungsanleitung“ hinterlegt: 1. Raus aufs Land 2. Leerstehende Immobilien identifizieren und anmieten 3. Dort niedrigschwellige Angebote machen, Bratwurst & Bier, Aperol-Abende für die Jugend, Seniorencafé, Sommerfeste, etc. - aber vor allem keine langen politischen Reden.
So wird den Menschen Gemeinschaft angeboten. Und in den folgenden Schritten wird dann demokratie- und menschenfeindliche Politik implementiert.
Perfide, aber simpel. Und es funktioniert. Auch in Sportvereinen, häufig den letzten noch intakten Orten für Gemeinschaft.
Dort, wo diese Strategien greifen, werden bei Wahlen die besten Ergebnisse erzielt.
Mit fatalen Folgen für die politische Arbeit. Parlamentarische Instrumente werden missbraucht, um ganze Behörden mit der Beantwortung von sinnlosen Anfragen lahmzulegen und um die Zivilgesellschaft systematisch zu diskreditieren und zu spalten – in Gut und Böse. „Steter Tropfen höhlt den Stein“ ist hier das Motto der Enttabuisierung und der Diskursverschiebung.
Auch diese Strategie wirkt, wie man am aktuellen Umgang der Bundesregierung mit den für die Demokratiestärkung so wichtigen Programmen „Demokratie leben!“ und „Zusammenhalt durch Teilhabe" sieht – dadurch werden große Teile der Zivilgesellschaft enorm verunsichert und auch vor teils nicht lösbare vor allem finanzielle Probleme gestellt.
Schon traditionell gehört zur fundamentalen Grundlage unserer Demokratie in Deutschland eine funktionierende und unabhängige Zivilgesellschaft – auf dem Boden unserer Verfassung und im Rahmen unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung.
Umso wichtiger ist es, dass wir uns im organisierten Sport immer wieder vor Augen führen, dass wir nicht nur ein Teil der Zivilgesellschaft sind, sondern mit unseren Millionen Mitgliedern in Sportvereinen diese wesentlich tragen. Damit geht auch eine entsprechende Verantwortung einher – gerade mit Blick auf die Kinder und Jugendlichen in den Vereinen.
Vorangestellt sei, dass wir niemals vergessen dürfen, was die originäre Aufgabe von Sportvereinen ist: Sport zu organisieren für und mit einer Gemeinschaft, die eines eint, nämlich das dem Sport immanente Wertefundament. Bei grundsätzlich parteipolitischer Neutralität. Deshalb sollten insbesondere ehrenamtlich geführte Vereine auch nicht überfordert werden mit kaum zu stemmenden Erwartungen von außen.
Allerdings müssen sie geschützt, unterstützt und empowert werden, wenn sie das wollen – es braucht Angebote.
Geschützt vor Instrumentalisierung und Unterwanderung durch antidemokratische Kräfte – auch vor politischen Parteien, wenn diese den Boden unserer Verfassung verlassen.
Unterstützt bei der Erarbeitung von widerstandsfähigen und wertegetragenen Satzungen, bei der Verteidigung gegen Angriffe auf ihr Vereinsleben – bei der Entwicklung stabiler Haltung.
Empowert beim Sichtbarmachen der Kraft des Sports für unsere demokratische Gesellschaft – im Sportverein wird vom Kindesalter an Demokratie vermittelt. Das beginnt bei der Wahl der Mannschaftskapitänin oder des -kapitäns und geht weiter bei der gemeinsamen Vorbereitung des Sommerfestes oder der Durchführung der Mitgliederversammlung mit Wahlen.
Die Autorinnen und Autoren einer aktuellen Studie der Unis Münster und Chemnitz zum „Demokratieverständnis im Sportverein“ empfehlen, dass sich Sportvereine – auch für die Gewinnung und Bindung von Engagierten und Mitgliedern – deutlich bewusster machen, welchen Wert sie für die Demokratie haben, dass sie Maßnahmen ergreifen sollen, um Partizipationsmöglichkeiten zu schaffen und die Mitglieder aktiver zur Partizipation zu motivieren.
Für all diese notwendigen Angebote sind Politik und die Dachorganisationen im Sport gefragt – und verantwortlich. Um Stabilität und Sicherheit zu schaffen. Zum Beispiel über die oben genannten so wichtigen Bundesprogramme.
Zurück zu den Wahlergebnissen: es gibt bei allen Entwicklungen immer noch durchweg starke demokratische Mehrheiten, insbesondere im urbanen Raum, aber auch in ländlichen Gebieten. Das macht Hoffnung und gibt die so wichtige Zuversicht, die unsere Gesellschaft braucht.
Mit Blick auf die kommenden Wahlen im Herbst wird es aber mehr als kritisch, auch für den bislang unabhängigen organisierten Sport als Teil unserer Zivilgesellschaft, wenn Antidemokraten in Regierungsverantwortung kommen.
Dies gilt es zu verhindern – angefangen bei guter, verantwortungsvoller und partizipativer Arbeit im Sportverein vor Ort. Getragen von Menschen, die jeden Tag stabil für Teilhabe, Vielfalt und Schutz in den Sportvereinen einstehen und sich auch unter widrigen Bedingungen nicht vereinnahmen lassen.