Eine Präsentation auf einer Veranstaltung zeigt drei Personen auf der Bühne, die miteinander sprechen. Im Hintergrund ist eine Folie mit grafischen Elementen und Text zu sehen. Das Publikum sitzt an Tischen und hört aufmerksam zu.

Quelle: Giulia Iannicelli

Aktuelle Situation in Sachsen-Anhalt

Statement bei der Vollversammlung der dsj 2026

Paul Rathke, Vorsitzender der Landessportjugend Sachsen-Anhalt

Vielen Dank für die Gelegenheit, heute hier zur Vollversammlung sprechen zu dürfen. Und danke auch für all den Zuspruch, den wir in den vergangenen Wochen erfahren haben. Jedes „Wie geht es euch?“, jede Solidaritätsbekundung und jedes Gespräch tun gut.

Hinter uns liegen bereits aufregende und aufreibende Wochen und Monate. Und vor uns liegen sehr wahrscheinlich weitere herausfordernde Zeiten.

Die Zahlen der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt sind bekannt. Wir alle haben sie seit Wochen gelesen, gehört und diskutiert. Und trotzdem blicken wir noch immer fassungslos, irritiert und fragend auf dieses Ergebnis. Ein als gesichert rechtsextrem eingestufter Landesverband hat die meisten Stimmen erhalten. Insbesondere die hohe Zustimmung unter jungen Wählerinnen und Wählern beschäftigt uns.

Heute stellt dieser Landesverband bereits den Landtagspräsidenten und einen Vizepräsidenten. Im Dezember steht die Wahl des Ministerpräsidenten an. Wie sich die politische Situation in den kommenden Monaten entwickeln wird, wissen wir nicht. Die vergangenen Wochen haben uns jedenfalls gezeigt, wie schwierig politische Entwicklungen vorherzusehen sind.

Dass wir uns heute ernsthaft mit der Möglichkeit einer von diesem Landesverband geführten Landesregierung auseinandersetzen müssen, zeigt, vor welchen Herausforderungen Sachsen-Anhalt steht.

Das ist keine normale Situation.

Christin Wunderlich, Ressortleiterin Landessportjugend Sachsen-Anhalt

Was die kommenden Monate konkret für den organisierten Sport und die Sportjugend bedeuten werden, können wir heute noch nicht sagen. Wir wissen nicht, welche Strategie die AfD gegenüber dem Sport verfolgen wird. Anbiederung, Druckausübung oder eine Mischung aus beidem: Vieles erscheint möglich.

Gleichzeitig kennen wir die programmatischen Positionen der AfD. Sie kündigt an, Projekte im Bereich Demokratiearbeit nicht mehr fördern zu wollen. Sie lehnt das ab, was sie als „Politisierung des Sports“ bezeichnet, und knüpft die Frage der Förderung stärker an politische Bekenntnisse. 

Auch in den Antworten auf unsere Wahlprüfsteine fällt auf, dass die AfD selbst bei Fragen zur Jugendarbeit, Gesundheitsförderung oder gesellschaftlichen Verantwortung des Sports immer wieder den Leistungs- und Nachwuchsleistungssport in den Mittelpunkt stellt. 

Genau hier sehen wir Konfliktlinien.

Denn dahinter steht die Frage, welche Rolle Sport in unserer Gesellschaft eigentlich spielt. Für uns ist Sport mehr als Wettkampf und Leistungssport. Sport ist Begegnung. Sport ist Teilhabe. Sport ist demokratisches Lernen. Sport ist Persönlichkeitsentwicklung. Sport schafft Gemeinschaft und eröffnet jungen Menschen Räume, in denen sie Vielfalt erleben und mitgestalten können.

Die Programmatik und zentrale politische Positionen der AfD stehen in wesentlichen Punkten im Widerspruch zu den Werten, für die wir als Landessportjugend stehen. Zu unserem Verständnis von Demokratie, Menschenwürde, Vielfalt und Teilhabe.

Stecken wir deshalb den Kopf in den Sand?

Nein.

Wir werden weiter für unsere Werte eintreten. Gemeinsam mit dem Landessportbund, gemeinsam mit unseren Mitgliedsorganisationen und gemeinsam mit den vielen Akteurinnen und Akteuren der demokratischen Zivilgesellschaft.

Paul Rathke, Vorsitzender der Landessportjugend Sachsen-Anhalt

Und noch etwas ist uns wichtig: Wir sind dankbar für die Solidarität, die uns entgegengebracht wird. Was wir allerdings nicht brauchen, ist die Erzählung, Sachsen-Anhalt sei verloren.

Die Wahlergebnisse sind eine Realität. Sie sind aber nicht die ganze Realität. Zu Sachsen-Anhalt gehören auch die vielen Menschen, die jeden Tag Verantwortung übernehmen, sich engagieren und für ein demokratisches Miteinander einstehen. Im Sport, in Jugendverbänden, in Kultur, Bildung und vielen anderen Bereichen unserer Gesellschaft.

Deshalb brauchen wir kein Mitleid.

Was wir brauchen, sind Verbündete. Menschen mit offenen Ohren und offenen Herzen. Menschen, die an unserer Seite stehen. Und Mut. Mut, Haltung zu zeigen. Mut, einander zuzuhören. Mut zum Widerspruch, wenn Widerspruch nötig ist. Und Mut, die Menschen nicht vorschnell aufzugeben. 

Ein Gedanke, welcher das passend zusammenfasst, ist die Liedzeile …

„Und weil Gemeinschaft besser als Furcht ist, überzeugen am Ende wir.“

Daran möchten wir festhalten. Deshalb werden wir hier sein. Bereit, Haltung zu zeigen. Bereit, Verantwortung zu übernehmen. Und bereit, füreinander einzustehen.

Vielen Dank.

Benny Folkmann, ehemaliges Vorstandsmitglied der dsj

Vielen Dank für Euren Mut, Eure Haltung und vielen Dank, dass Ihr so positiv bleibt trotz der erdrückenden Situation aus den Wahlen und dem Landtag in Magdeburg heraus. Ich finde es sehr gut und so wichtig, dass die dsj 2027 ihren Hauptausschuss in Sachsen-Anhalt durchführen wird.

Wie Ihr richtig sagt, ist diese Herausforderung nicht allein Eure. Es geht um die gesamte Gesellschaft, um uns alle. Auch weit über Länder- und Staatsgrenzen hinaus. Und wenn es um uns alle geht, geht es auch jede und jeden von uns etwas an.

Wir sind gefragt, Solidarität und vor allem Haltung zu zeigen. Und das wird immer schwieriger. Es macht mir große Sorgen, dass ich mir mittlerweile gut überlege, in welchem Umfeld ich welches Thema aufmache, wo ich mich wie positioniere. Es macht mir große Sorgen, dass ein simples für demokratische Grundwerte einstehen heute als „woke“ oder auch „linksgrünversifft“ diffamiert wird.

Damit geht die Strategie von Antidemokraten auf. Und deshalb braucht es Solidarität und eine klare und stabile Haltung, die es nicht im Supermarktregal gibt.

Ihr beide habt das „Patriotismusbekenntnis“ angesprochen, dass die AfD in ihrem Wahlprogramm angekündigt hat und ohne das es in Zukunft keine Fördermittel mehr geben soll. Wir haben dieses rechtlich geprüft, soweit dies jetzt schon möglich war – es wäre mit großer Wahrscheinlichkeit rechtswidrig. Nichtsdestotrotz, ein Blick in die USA genügt, müssen wir davon ausgehen, dass es trotzdem einfach eingeführt wird und die Vereine sich auf ein Einstellen der Förderung und lange Klageverfahren einstellen müssen. Was das bedeutet, muss ich hier nicht weiter ausführen. Das durchzuhalten wird brutal und existenziell.

Um die breite Unterstützung und Solidarität, die notwendig ist, um da dagegenzuhalten, braucht es uns alle in unseren verschiedensten Rollen:

  • das unterstützende Nachfragen unter Kolleginnen und Kollegen,
  • die Trainerin in der Diskussion am Stammtisch im Clubheim nach dem Training,
  • den Vereinsvorstand in der Dorf-Community, 
  • Coaching von Argumenten und Rechtssicherheit insbesondere im Ehrenamt, 
  • Bereitstellen von sicheren Räumen für Austausch,
  • Unterstützung von demokratischen, meist ehrenamtlichen Kommunalpolitikerinnen und -politikern, denen wir so dankbar sein müssen für das, was sie aushalten, 
  • Bereitstellung von Mitteln für Demokratiebildung aus der Politik – insbesondere für den Sport, der so niedrigschwellig immer noch alle erreicht. Sport macht jungen Menschen und insbesondere auch Jungs ein echtes Identitätsangebot. Hier können sie Anerkennung und Zugehörigkeit erleben.
    • Die Sportjugenden tragen mit ihrer verantwortungsvollen Kinder- und Jugendarbeit dazu bei, dass junge Menschen in ihrer Vielfalt Zugehörigkeit erleben und in ihrer Identitätsentwicklung auf Basis demokratischer Werte entwickeln können. 

Diese Liste ließe sich lange fortführen.

Es darf kein Wegducken oder „ich kann doch eh nichts ändern“ mehr geben. Lasst uns zusammen aus unserer Mitte die nötige Kraft schöpfen für diesen Kampf für unsere Demokratie. 

Es könnte der letzte für lange Zeit sein, wenn wir dies jetzt nicht hinbekommen. 


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