Mehr INKLUSION möglich machen – Engagiert im Kinder- und Jugendsport

Ein Interview mit Katja Kliewer

Katja Kliewer ist seit 2021 die  Vorsitzende der Deutschen Behindertensportjugend (DBSJ). Die ehemalige Leistungssportlerin fand den Einstieg in den Sport über das Fechten. Früh war sie u. a. Teil des Juniorteams der Deutschen Sportjugend. Darüber kam sie auch mit der DBSJ in Berührung und bewarb sich als Betreuerin für das Paralympische Jugendlager in Sotschi.
Das soziale Engagement war schon immer ein Teil von ihr und ist für sie eine Lebenserfüllung. Mittlerweile hat sie ihr Hauptamt im Sport aufgegeben, weil ihr das ehrenamtliche Engagement mehr Erfüllung bringt.  
Dieses Interview mit Katja Kliewer ist der dritte Teil einer Serie mit ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten und deren Engagement in den Kinder- und Jugendsportstrukturen. Die ersten beiden Interviews haben Kerstin Holze und Behzad Borhani über ihr Engagement im organisierten Sport gegeben.
 
1.Du warst im Juniorteam der DBSJ engagiert. Wie bist du dazu gekommen und inwieweit hat es deinen weiteren (Engagement-) Weg geprägt?
Zum Juniorteam der DBSJ bin ich über das Paralympische Jugendlager in Sotschi gekommen, bei dem ich 2014 Betreuerin von zwölf Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderung war. Der Umgang untereinander, die Offenheit über seine Beeinträchtigung zu sprechen und vor allem zu sehen, wie das Medium Sport für eine höhere Selbstwirksamkeit trotz Einschränkung beiträgt, hat mich sehr beeindruckt. Von da an war für mich klar: Hier engagierst du dich weiter! :-)

2.Du kommst (auch) aus dem Leistungssport. Würdest du sagen, dass hat deine Sicht der Dinge für deine heutige Arbeit entscheidend beeinflusst?
Während meiner leistungssportlichen Zeit war ich sehr fokussiert, diszipliniert, ehrgeizig und auf Leistung ausgerichtet. Im Leistungssport sind dies Eigenschaften, die für Erfolge sorgen, aber leider auch zeitweise die Frage verdrängen: „Warum mache ich das überhaupt?“ und „Habe ich noch Spaß an meinem Sport?“.
Ich bin sehr dankbar über jede einzelne Erfahrung, Siege und Rückschläge, die ich sammeln konnte, denn genau diese haben mir mit einigen Jahren abstand verdeutlicht, dass Sport viel mehr ist als Leistung. Für mich geht es im Kinder- und Jugendsport mit Behinderung, um die Selbsterfahrung und Akzeptanz des eigenen Körpers, die Freude Selbstwirksam zu sein und das jeder trotz oder gerade mit Handicap in der Lage ist, herausragende Leistungen zu bringen. Und damit meine ich nicht eine Medaille zu gewinnen, sondern die eigenen Grenzen zu verschieben. Zudem sehe ich als zentralen Wert die Gemeinschaft während des Sporttreibens- gemeinsam Erlebnisse schaffen, Freundschaften knüpfen und sich dabei Bewegen im Sinne der physischen und psychischen Gesunderhaltung. Denn wer Freude am Sport hat- bei dem kommt der Ehrgeiz von ganz alleine. 

3.Warum die DBSJ und nicht die Deutsche Fechtsportjugend?
Den Fechtsport habe ich über knapp 15 Jahre extrem gerne ausgeübt und habe dennoch gerade in den letzten Jahren meiner aktiven Zeit gespürt, dass mich der Leistungssport ausgebrannt hat und ich nicht DIE Freude mehr empfinde, die der Sport verdient bzw. ich bereit bin, neue Erfahrungen in mein Leben zu lassen. 
Ich wusste, dass soziales Engagement für mich eine Lebenserfüllung ist und ein Teil von mir. Also habe ich mich einfach treiben lassen und bin so zur DBSJ gekommen. Die Menschen, die ich rund um den Behindertensport kennengelernt habe, sind äußerst beeindruckend und jeden Tag lerne ich neues fachliches und auch menschliches dazu. Genau das zeichnet mein Engagement für mich aus – eine Sache gefunden zu haben, für dich ich brenne.

4.Du arbeitest auch hauptberuflich im Sport. Siehst du Vor- oder Nachteile in dieser Doppelrolle und wie unterstützen sich diese Funktionen vielleicht auch gegenseitig? 
Inzwischen bin ich aus dem sportlichen Hauptamt ausgestiegen, was eine ganz bewusste Entscheidung war. Die Vorteile sind definitiv das gigantische Netzwerk, was man sich über die Jahre aufgebaut hat. Irgendeinen kennt man immer, der bei Problemen weiterhelfen oder weitervermitteln kann. Zudem gelingt der Perspektivwechsel sehr leicht, da ich die Bedürfnisse und Herausforderungen ehrenamtlicher Trainer*innen/Engagierter und auch Eltern sehr gut verstehe. Schließlich bin ich in derselben Situation. So konnte ich wirklich auch Anliegen schneller klären und für eine gute Stimmung sorgen. 
Ein riesen Nachtteil ist für mich die zunehmende Abgrenzung zwischen meiner Haupt- und meiner ehrenamtlichen Funktion im Alltag gewesen. Ich wurde viel in meiner Freizeit zu Arbeitsthemen angesprochen, was dafür sorgte, dass ich kaum abschalten konnte. Zudem liegt die Haupttätigkeitszeit im Sport, wie wir alle wissen, am Nachmittag und in den Abendstunden. Auf Dauer war das einfach nicht leistbar und ich habe mir die Frage gestellt, was mir mehr Erfüllung bringt. Das war eindeutig das Ehrenamt. 

5.Warum sind aus deiner Sicht die Jugendorganisationen im Sport so wichtig? 
Die Jugendorganisation hat einen ganz gezielten und geschärften Blick auf die Zielgruppe – Kinder und Jugendliche, die oft im Konstrukt eines Dachverbandes in den Hintergrund rückt. Zudem kennt die Jugendorganisation genau die Bedürfnisse und denkt Förderung von Kindern- und Jugendlichen ganzheitlich. Es geht nicht nur um sportlich technische Ausbildung und den Sprung in den leistungsorientierten Sport, sondern um Soziale Werte, Persönlichkeitsentwicklung, politische Bildung und ganz einfach das Ausprobieren und Kennenlernen von Möglichkeiten, die der Sport uns bietet. Ich finde und als Jugendorganisationen gelingt es uns ausgezeichnet den jungen Erwachsenen genau diese Möglichkeiten zu geben und vor allem auch eine Plattform zu bieten, auf der sie sich Inhalte selbst gestalten können und Gehör erhalten. 

6.Welche Potenziale siehst du durch Inklusion im (Kinder- und Jugend-)Sport und wo gibt es deiner Meinung nach noch Nachholbedarf?
Inklusion kann nicht früh genug beginnen. Je früher wir Begegnungen schaffen und somit Barrieren in den Köpfen der Gesellschaft abbauen, desto besser!
Ein riesiges Potenzial ist die die Kontaktfreudigkeit, Neugier und Offenheit von Kindern. Die Berührungsängste sind noch nicht so ausgeprägt und man kommt viel schneller in den Erfahrungsaustausch. Ich habe schon sehr viele Gruppe mit Kindern mit und ohne Handicap erlebt, die innerhalb weniger Stunden beeindruckend schnell ihre Vorurteile im Kopf abgebaut haben. 
Das Medium Sport ist dabei für mich Tatsache das Allheilmittel. Denn ohne Inklusion groß zu thematisieren, kann man die Kinder einfach machen lassen und während des Sportreibens ergeben sich von ganz alleine ein Kontaktpunkte. 
Nachholbedarf sehe ich vor allem in der Aufklärung in Sensibilisierung unserer Struktur. Viele Vereine fühlen sich nicht befähigt, eine*n Sportler*in mit Handicap zu betreuen, weil sie Angst davor haben, was auf sie zukommt. Hier dürfen wir noch mehr Aufklären und Hilfestellungen geben, wie Inklusion im Verein leicht, gut und ohne Überforderung gelingen kann und das vor allem mit kleinen Schritten bereits ein riesen Schritt getan ist.  

7.Welche Rolle spielen aus deiner Sicht Engagement und Ehrenamt bei der Aufgabe den Sport in Deutschland inklusiver zu gestalten?
Das Ehrenamt ist in der deutschen Sportkultur die stärkste tragende Säule und damit DER wichtige Multiplikator für ein inklusives Deutschland. Es ist vehement wichtig, dass die Politik ihr Engagement im Bereich der Inklusion ausbaut und Bedingungen schafft, damit Gesetze auch umgesetzt werden (z.B. Behindertenrechtskonvention), realistische Rahmenbedingungen geschaffen werden und vor allem ausreichend Geld zu Verfügung steht. 
Dies allerdings täglich Leben und vor allem an unsere Kinder und Jugendlichen weitergeben, kann der*die Trainer*in/Ehrenamtler/Vorständler jeden Tag an der Basis am stärksten. 

8.Im Oktober findet auf der dsj-Vollversammlung eine Vorstandswahl statt – Willst du (potenziellen) Bewerber*innen für einen Posten im dsj-Vorstand etwas mit auf den Weg geben?
Nur Mut!!!!
Auf den ersten Blick sieht ein solcher Vorstandsposten wie eine gigantische unlösbare Mammutaufgabe aus – und das ist es auch :-D
ABER: auf diesem Posten kann man wirklich etwas Großes bewegen und sich für die Themen einsetzten, die einem am Herzen liegen. Ein besseres Sprachrohr gibt es nicht. Außerdem lernt man persönlich jeden Tag unfassbar viel dazu – sei es fachlich oder über sich selbst. Für mich persönlich war der Vorstandvorsitz bei der DBSJ die bisher herausforderndste Aufgabe überhaupt, aber auch die Position, wo ich am meisten gelernt habe und mein Königsweg zur Persönlichkeitsentwicklung. 


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