Am 1. Juli 2011 wurde der Bundesfreiwilligendienst (BFD) eingeführt, als die Wehrpflicht ausgesetzt wurde und damit auch der Zivildienst endete. Der neue Dienst sollte die Lücke schließen, die durch den Wegfall der Zivildienstleistenden insbesondere in sozialen Bereichen entstand. Gleichzeitig wurde der BFD neben die etablierten Formate Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) und Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) gestellt. Auch im Sport eröffnete dies neue Möglichkeiten für freiwilliges Engagement – etwa in Sportvereinen, Jugendabteilungen und Verbandsstrukturen, in denen junge Menschen Verantwortung übernehmen und Gemeinschaft mitgestalten.
Die Zivilgesellschaft hatte sich zuvor dafür ausgesprochen, die finanziellen Mittel statt in einen neuen Dienst eher in den Ausbau der seit Jahrzehnten erprobten Freiwilligendienste zu leiten. Dem gegenüber stand das Bestreben, die Verwaltungsstrukturen aus dem alten Zivildienst zu erhalten und in den neu geschaffenen BFD zu überführen – das Bundesamt für den Zivildienst wurde zum Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA), die alten Zivildienstschulen wurden zu Bildungszentren, in denen Freiwillige im BFD seitdem eine verpflichtende Bildungswoche absolvieren müssen.
Die Zentralstellen und Träger haben die Herausforderungen des BFD als neuem Dienstformat und der damit verbundenen Doppelstrukturen angenommen und unter großem Einsatz bewältigt: So haben die in den etablierten Jugendfreiwilligendiensten FSJ und FÖJ sowie auch neu hinzugekommene Anbieter*innen den neuen Dienst schnell mit Sinn und Leben gefüllt. Die bestehenden Zivildienstplätze wurden in Freiwilligenplätze umgestaltet und zahlreiche neue Einsatzstellen kamen hinzu.
Heute besteht eine Vielfalt an vor allem zivilgesellschaftlichen Organisationen und Einrichtungen, die Freiwilligenplätze bereitstellen und die freiwillig Engagierten in ihrem Dienst begleiten. All diese Akteur*innen zusammen machen die verschiedenen Freiwilligendienste zu einem Gewinn hoch drei – für die Freiwilligen selbst, für die Menschen in den Einrichtungen und Vereinen sowie für die Gesellschaft als Ganzes. Gerade der organisierte Sport zeigt, wie Freiwilligendienste Teilhabe, Verantwortungsübernahme und demokratisches Miteinander stärken können.
Bei den Trägern der Deutschen Sportjugend (dsj) engagieren sich derzeit etwa 2.000 Freiwillige im FSJ und knapp 1.000 Freiwillige im BFD. Sie unterstützen Kinder- und Jugendarbeit im Sport, begleiten Trainings- und Bewegungsangebote, wirken bei Bildungs- und Integrationsprojekten mit und stärken damit Sportvereine und -verbände in ganz Deutschland.
Aktuell 2026: Engagement an der Schwelle zwischen Freiwilligkeit und Pflicht
Heute steht die Gesellschaft – bildlich gesprochen – wieder vor einer Tür, durch die es gemeinsam zu gehen gilt. Der Hintergrund ist eine genau gegensätzliche Entwicklung im Vergleich zu 2011: Konflikte haben zugenommen, Verteidigungsfähigkeit und gesellschaftliche Resilienz bestimmen das politische Handeln stärker. Ein neuer Wehrdienst wurde beschlossen, die breite Musterung wird wieder eingeführt, und die Wiedereinführung einer (Kontingent-)Wehrpflicht steht im Raum. Entsprechend schafft das Bundesfamilienministerium aktuell die rechtlichen Voraussetzungen für einen neuen Zivildienst als Ersatz zum Wehrdienst. Dieser soll nun – anders als früher – nicht mehr als vollständig eigenes Format bestehen, sondern eng mit dem Bundesfreiwilligendienst verknüpft werden. Damit geraten die Dienste für die Gesellschaft erneut in den Fokus, und das Gleichgewicht zwischen den Formaten könnte sich künftig verändern. Aus Sicht der Deutschen Sportjugend ist dabei entscheidend, dass freiwilliges Engagement im Sport nicht durch pflichtgebundene Logiken verdrängt wird, sondern seine besondere Qualität als Lern-, Bildungs- und Erfahrungsraum erhalten bleibt.
Eine einfache „Rolle rückwärts“ ist nicht möglich, denn es gilt aktuelle Fragen zu beantworten:
- Wie sollen die verschiedenen Dienste in Zukunft weiterentwickelt werden und v. a. wie sollen sie sich auch zueinander verhalten?
- Welche Bedeutung können die Dienste künftig für die Gesellschaft haben, in der das Fundament des demokratischen Zusammenlebens immer mehr unter Druck gerät und die Gesellschaft insgesamt resilienter werden soll?
- Wie können wir die Gleichberechtigung von engagierten Männern und Frauen sicherstellen?
Heute gilt es, die Erkenntnisse der letzten 15 Jahre zu identifizieren und diese in den aktuellen Überlegungen zu berücksichtigen.
Zentrale Erkenntnisse der letzten 15 Jahre und aktuelle Forderungen:
- Die Einführung des neuen Dienstes vor 15 Jahren hat viel Kraft für den Aufbau und die vielfachen Anpassungen der Strukturen erfordert. Ein neuer Dienst kann daher nur mit aktiver Beteiligung der Zivilgesellschaft eingeführt und ausgestaltet werden. Wo er nicht zu gewachsenen zivilgesellschaftlichen Strukturen passt, führt er dauerhaft zu Reibung und Mehraufwand. Für den organisierten Sport mit seinen Vereinen, Verbänden und Jugendstrukturen ist deshalb zentral, dass neue Regelungen anschlussfähig an bestehende Praxis sind und das freiwillige Engagement vor Ort stärken, statt zusätzliche Hürden aufzubauen.
- Zivilgesellschaftliche Strukturen haben zentrale Bedeutung für das Engagement in unserer Gesellschaft. Menschen möchten sich in Einrichtungen und Strukturen ihres Lebensumfelds einbringen – auch und gerade im Sportverein, im Verband oder in der Kinder- und Jugendarbeit des Sports. Diese Räume werden von der Zivilgesellschaft bereitgestellt und kontinuierlich weiterentwickelt. Die zivilgesellschaftlichen Strukturen müssen deshalb verlässlich finanziert und in den Mittelpunkt der Förderung gestellt werden.
- Die Vielfalt der Einsatzfelder und Anbieter*innen macht die Attraktivität der Dienste aus. Im Sport reicht diese Vielfalt von der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen über inklusive und integrative Bewegungsangebote bis hin zur Unterstützung von Bildungs-, Beteiligungs- und Vereinsentwicklungsprozessen. Die unterschiedlichen Einrichtungen, Tätigkeitsfelder, Ziele und Werte der zivilgesellschaftlichen Strukturen sind eine besondere Stärke. Es sind daher alle Maßnahmen zu ergreifen, um diese Vielfalt, Zugänglichkeit und Praxisnähe zu erhalten und weiter zu stärken.
- Es braucht eine gemeinsame Sichtbarkeit und ein zentrales Online-Portal für alle Freiwilligendienste, um bei der Vielfalt der Formate und Einsatzfelder Orientierung zu schaffen und einen einfachen Zugang zu ermöglichen. Gerade für junge Menschen, die sich im Sport engagieren möchten, sind gute Information und niedrigschwellige Zugänge entscheidend. Daher sollte der Bund sowohl Kampagnen und öffentlich sichtbare Wertschätzung fördern als auch weiterhin das zentrale Online-Portal für die Freiwilligendienste www.freiwillig-ja.de unterstützen.
- Zentral für Lernen, Orientierung und nachhaltiges Engagement ist die pädagogische Begleitung der Freiwilligen. Damit diese verlässlich, mit qualifiziertem Personal und auf hohem Niveau umgesetzt werden kann, braucht es eine stabile und auskömmliche Finanzierung der hauptamtlichen Strukturen in der pädagogischen Begleitung. Dies gilt in besonderer Weise auch für den Sport, wo Freiwilligendienste junge Menschen an Beteiligung, Verantwortung und ehrenamtliches Engagement heranführen und damit die Zukunftsfähigkeit von Vereinen und Verbänden mit sichern.