Otto Addo steht an einem Rednerpult und spricht. Im Hintergrund sind mehrere Flaggen zu sehen. Rechts ist ein Plakat mit dem Schriftzug "SPORT EHRENAMT" und dem Logo des Bundesministeriums.

Quelle: photothek.de/Juliane Sonntag

Rede von Otto Addo, ehemaliger Fußball-Profi und Präsident von „ROOTS – Against Racism in Sports“, bei der Veranstaltung „Sport mit starker Stimme“

„Im Vereinsfußball und erst recht im Profifußball habe ich damals gelernt, dass Zugehörigkeit nicht immer so selbstverständlich ist.“

Bei der Veranstaltung „Sport mit starker Stimme“ im Rahmen des „Bundes-/Präventionsprogramms gegen Extremismus und Menschenfeindlichkeit im Sport“ am 19. Mai 2026 in Berlin hat der ehemaliger Bundesliga-Profi, Fußballtrainer und Präsident der Initiative „ROOTS – Against Racism in Sports“, Otto Addo, die nachfolgende Rede gehalten. Veranstaltet wurde das Format von der Deutschen Sportjugend (dsj) und dem Bundeskanzleramt mit Beteiligung des Bundesinstituts für Sportwissenschaft (BISp). 

Sehr verehrte Damen und Herren, 

sehr geehrte Frau Staatsministerin Dr. Schenderlein, 

vielen Dank für die Einladung und die Gelegenheit, heute zu Ihnen sprechen zu dürfen. 

Ich begrüße auch ganz herzlich die Abgeordneten der demokratischen Parteien und die Vertreter*innen des deutschen Sports. 

Ich spreche heute über einen Ort, der mich geprägt hat wie kaum ein anderer: den Sport, in meinem Fall, den Fußballplatz. Über einen Ort, der Menschen zusammenbringen kann. Über einen Ort, der Fairness, Respekt, Zusammenhalt und Demokratie erlebbar machen kann. 

Der organisierte Sport bewegt in Deutschland rund 29 Millionen Menschen. Das ist eine riesige Chance. Aber vor allem auch eine enorme Verantwortung. 

Denn Sport ist nicht nur Bewegung. Sport ist Begegnung. Sport ist ein gesellschaftlicher Lernraum. Ein Raum, in dem junge Menschen erfahren können, was es bedeutet, Teil einer Gemeinschaft zu sein, Regeln zu achten, Konflikte auszuhalten, Verantwortung zu übernehmen und füreinander einzustehen. 

Wir müssen nicht bei jeder Sache alle immer einer Meinung sein. Aber in bestimmten Fragen müssen wir klar sein. 

  • Wenn Menschen ausgegrenzt werden, müssen wir klar sein. 

  • Wenn Menschen abgewertet werden, müssen wir klar sein. 

  • Wenn Gewalt, Hass oder Hetze in unsere Vereine, unsere Stadien oder unsere Kabinen getragen werden, müssen wir klar sein. 

Denn wie im Fußball gelten auch in der Gesellschaft Regeln. 

  • Wer Gewalt ausübt, überschreitet diese Regeln. 

  • Wer gegen Menschengruppen hetzt, überschreitet diese Regeln. 

  • Wer bewusst ausgrenzt oder benachteiligt, überschreitet diese Regeln. 

Ich denke dabei oft an den Bolzplatz meiner Jugend. 

Auf dem Bolzplatz war damals vieles einfacher. Auch nicht immer perfekt, aber direkt. Man kam dazu. Man wurde begutachtet und geprüft, ob man den hohen Ansprüchen des Bolzplatzes genügt. Und selbst wenn man nicht der beste Zocker war, hat am Ende doch immer jemand gesagt: „Komm, du kannst bei uns mitspielen.“ 

Wer von euch kann sich noch an dieses Gefühl erinnern, wenn man plötzlich mitspielen durfte? Welche Energie und Euphorie das ausgelöst hat. 

--- Kurze Pause --- 

Das klingt nach einer schönen Erinnerung. Aber es ist mehr als das. Es ist ein sozialer Mechanismus. 

Auf dem Bolzplatz mitspielen zu dürfen war und ist ein Privileg. Weil Teilhabe immer als Privileg empfunden wird. Insbesondere für diejenigen, für die sie nicht selbstverständlich ist. 

Denn das Privileg bedeutet: 

  • Du gehörst dazu. 

  • Du wirst gebraucht. 

  • Du bist Teil des Spiels. 

  • Oder andersherum vielleicht sogar: “Ohne dich können wir nicht spielen“ 

Zugehörigkeit schafft Wertschätzung und Bindung. Bindung schafft Verantwortung. 

Und Verantwortung schützt. Vor Einsamkeit. Vor Gleichgültigkeit und Rückzug. 

Und manchmal auch vor dem, was Menschen in extreme Gedankenwelten treibt, weil extreme Aktionen in der Isolation entstehen. Wer aktive Bindungen hat, ist nicht isoliert. 

Sport schafft aktive Bindungen. Aber nur, wenn wir es schaffen, diese positive Seite des Sports zu aktivieren. 

--- Kurze Pause --- 

Im Vereinsfußball und erst recht im Profifußball habe ich damals gelernt, dass Zugehörigkeit nicht immer so selbstverständlich ist. Ich habe gelernt, dass nicht alle Menschen die gleichen Wege gehen können. Manche müssen mehr beweisen. Manche werden schneller infrage gestellt. Manche müssen Dinge aushalten, die andere gar nicht sehen. 

Und ich sage Ihnen offen: Auch im Sport gibt es Rassismus. Auch im Sport gibt es Ausgrenzung und menschenverachtendes Verhalten. Auch im Sport gibt es Momente, in denen Menschen lieber schweigen, obwohl sie verletzt wurden, weil sie ihren Platz nicht verlieren wollen. Weil sie nicht als schwierig gelten wollen. Weil sie glauben, dass sie nur dann weiterkommen, wenn sie Rassismus und Benachteiligung nicht ansprechen, sondern stattdessen einfach still „funktionieren“. 

Ich spreche hier nicht über die Vergangenheit, sondern über aktuelle Realitäten des Sports in Deutschland. 

Ich kenne dieses Gefühl nur zu gut aus eigener Erfahrung. Und viele andere kennen es heute auch noch. 

Manche halten es aus. Manche schaffen es trotzdem. Aber viele ziehen sich zurück. Manche verlieren das Vertrauen in den Verein, in den Sport oder sogar in die Gesellschaft. 

--- Kurze Pause ---- 

Und genau an dieser Stelle beginnt für mich die Verbindung zwischen Sport und Extremismusprävention. 

Denn wer über Extremismusprävention im Sport spricht, muss ehrlich auf den Sport schauen. Nicht oberflächlich. Sondern radikal im ursprünglichen Sinne des Wortes: von der Wurzel her, da wo Veränderung ansetzen muss. 

Wir müssen fragen: Wer darf mitspielen? Wer darf mitreden? Wer darf mitentscheiden? Wer wird gesehen? Wer wird übersehen? Wer trägt Verantwortung? Und wer braucht Schutz, weil der Weg in unsere Strukturen für ihn oder sie voller Barrieren ist? 

In einer Gesellschaft, 

  • in der jeder Dritte eine Migrationsgeschichte hat, 

  • in der zeitgleich demokratiefeindliche, rassistische und rechtsextreme Positionen eine parlamentarische Vertretung finden, 

reicht es nicht, nur zu sagen: Sport verbindet. 

Sport ist nicht per se gut oder schlecht, sondern das, was wir draus machen. 

Sport verbindet dann, wenn wir ihn bewusst gestalten. Wenn wir zuhören und Beteiligung ermöglichen. Wenn wir Menschen ernst nehmen, bevor sie sich abwenden. Wenn wir ihre Sorgen, ihre Erfahrungen und ihr Bedürfnis nach Zugehörigkeit nicht erst dann sehen, wenn es zu spät ist. 

Wer dauerhaft am Rand steht, sucht irgendwann einen Ort, an dem er gesehen wird. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass dieser Ort nicht im Hass, nicht in der Abwertung anderer und nicht im Extremismus gefunden wird, sondern in einer demokratischen Gemeinschaft. 

Deshalb möchte ich allen danken, die sich in diesem Bundesprogramm engagieren. Und ich möchte den Preisträgerinnen und Preisträgern [des Vereinspreises „Sport mit Haltung“] herzlich gratulieren. Sie arbeiten an einer Aufgabe, die für unsere Gesellschaft von großer Bedeutung ist. 

Leider bekommen Sie nicht immer die Wertschätzung, die sie verdienen. Das liegt vor allen Dingen daran, dass der Mehrwert immer erst dann sichtbar wird, wenn die wichtige Arbeit nicht mehr geleistet wird. Hoffen wir, dass sie ihre Arbeit weiterhin wirkungsvoll leisten können. 

--- Kurze Pause --- 

Extremismusprävention im Sport bedeutet nicht, junge Menschen zu belehren. Sie bedeutet, Beziehungen aufzubauen. Respekt und Vertrauen zu schaffen. Räume zu öffnen. Menschen einzuladen, mitzuwirken. Und sie ernsthaft zu fragen: 

  • Was brauchst du, um dich zugehörig zu fühlen? 

  • Was brauchst du, um Verantwortung für die Gemeinschaft und dich zu übernehmen? 

  • Was brauchst du, um dein Potenzial einzubringen? 

Genau das macht ein gutes Team aus. 

In professionellen Fußballmannschaften ist es nicht anders. Es kommen Menschen mit unterschiedlichen Biografien, Sprachen, Religionen, Erfahrungen und Persönlichkeiten zusammen. Diese Unterschiedlichkeit ist keine Schwäche. Sie kann zur Stärke werden. Aber sie wird nur dann zur Stärke, wenn es eine gemeinsame Haltung gibt. Wenn jede Person spürt: Ich bin nicht nur dabei. Ich bin bedingungsloser Teil des Teams. 

Und das gilt nicht nur für den Fußball. Das gilt für unsere Vereine. Für unsere Verbände. Für unsere Gesellschaft. 

Wenn wir also über Sport mit Haltung sprechen, dann sollten wir eines klar sagen: Haltung ist wichtig. Aber Haltung ohne Handlung bleibt wirkungslos. 

Haltung darf kein ausgehöhlter Begriff werden. Haltung muss zu Handlung werden. Genau das brauchen wir im Sport insgesamt. 

Wir brauchen Perspektivenvielfalt. 

Wir brauchen Beteiligung auf allen Ebenen. 

Wir brauchen Empowerment für Menschen, die Rassismus, Diskriminierung oder Ausgrenzung erleben. 

Die Repräsentanz von Rassismusbetroffenen in Entscheidungsgremien im deutschen Sport ist leider desolat. 

Wir haben im organisierten Sport, im Haupt- wie im Ehrenamt, in nahezu allen Gremien eine Repräsentanz von nahezu NULL. 

ROOTS ist angetreten, um dort Abhilfe zu leisten, wo der Schuh besonders intensiv drückt. 

  • Bei der Beteiligung von Rassismusbetroffenen in Entscheidungsgremien 

  • Beim Empowerment von Menschen, die im Sport Ausgrenzung und Rassismus erfahren 

  • Beim professionellen Umgang mit Rassismusvorfällen im Profi- und(!!!) Amateursport 

Der organisierte Sport wird diese Transformation nicht ohne die Unterstützung marginalisierter Gruppen bewältigen können. Gemeinsam bekommen wir das hin! Davon bin ich überzeugt. 

ROOTS unterstützt den organisierten Sport dabei, seinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden.  Nämlich Haltung in Handlung zu übersetzen. Ganz simpel. 

Wir sprechen über Handlungen, um die Struktur des organisierten Sports an die aktuellen gesellschaftlichen Realitäten heranzuführen. 

Der Sport kann eine Schule der Demokratie sein. Er kann ein Ort sein, an dem Menschen lernen, Konflikte fair auszutragen, Unterschiede auszuhalten und Verantwortung für uns und unser Land zu übernehmen. 

Machen wir, und wenn ich „WIR“ sage, dann meine ich uns alle, den Sport zu einem Ort, an dem Zugehörigkeit kein unerfülltes Versprechen bleibt, sondern gelebte Praxis wird. 

Vielen Dank. 


Zurück